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Work-Life-Balance für Erfolg im Examen

Erdulden oder Gestalten?

Darf ich mir als Jura-Student:in oder Rechtsreferendar:in, kurz vor dem Examen oder währenddessen, Gedanken über meine Work-Life-Balance machen? Steht mir das überhaupt schon zu? Habe ich mir das wirklich verdient bzw. darf und kann ich mir das überhaupt leisten?

Meine ganz klare Antwort: Ja!

Schlüssel für ein gelingendes Leben

Ich bin Gerlinde Böhm und coache Juristinnen und Juristen, die unzufrieden mit ihrer Work-Life-Balance sind. Als systemische Beraterin und Glücks-Coach begegnen mir viele Menschen unterschiedlichen Alters und in unterschiedlichen beruflichen und/oder privaten Lebensabschnitten. Eine Erkenntnis, die ich durch die Vielzahl meiner Coachings gewonnen habe: Die Anlässe, die zu meiner Beauftragung führen, sind vielfältig. Doch der tiefe Wunsch meiner Klient:innen, den Schlüssel für ein gelingendes Leben zu finden, eint alle. Daraus habe ich über die Zeit meine Definition von Work-Life-Balance entwickelt: eine gelingende und glückliche Lebensführung. Und diese muss insbesondere kurz vor und / oder im Examen gegeben sein.

Den Begriff „Work-Life-Balance“ verwende ich, auch wenn er teilweise überstrapaziert ist. Denn er ist bekannt und griffig. Und jede:r kann sich darunter etwas vorstellen. Außerdem gibt es im Deutschen leider keinen ebenso eingängigen äquivalenten Begriff.

Work-Life-Balance als Ziel persönlicher Entwicklung

Ein glückliches und somit gelingendes Leben bedeutet für jede:n etwas anderes; vielleicht vergleichbar damit, dass es für jedes Türschloss einen individuellen Türschlüssel gibt.

Um die Tür zur eigenen Work-Life-Balance zu öffnen, ist es wichtig zu wissen, was Gesundheit und Resilienz sowie Glück und Wohlbefinden miteinander zu tun haben. Und es ist wichtig zu wissen, dass niemandem die Work-Life-Balance frei Haus geliefert wird, sondern dass sie das Ergebnis eines aktiv zu gestaltenden persönlichen Entwicklungsprozesses ist. Dieser Prozess lohnt sich ungemein, gerade in einer so herausfordernden Phase kurz vor dem Examen oder währenddessen.

Was hält den Menschen gesund?

Werfen wir einen Blick auf zwei Aspekte, die ein großes Gewicht in der Waagschale der Lebens-Balance bilden: Gesundheit und Resilienz.

Die Weltgesundheitsorganisation definiert „Gesundheit“ als „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur als das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“

Wir können Gesundheit von zwei unterschiedlichen Ansätzen her betrachten. Von der klassischen, bislang dominierenden, defizitorientierten Sichtweise in unserem Gesundheitssystem – der Pathogenese. Sie erkundet das Modell der Krankheitsfaktoren: Was macht einen Menschen krank? Wie vermeidet man Risiko- und Belastungsfaktoren? Diese Herangehensweise stand und steht gerade im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie im gesamtgesellschaftlichen Fokus.

Ich bevorzuge den Ansatz des Medizinsoziologen Aaron Antonovsky (1923 – 1994) – die Salutogenese. Der Begriff ist abgeleitet von lateinisch salus ‚Gesundheit‘, ‚Wohlbefinden‘, und altgriechisch genesis ‚Geburt‘, ‚Entstehung‘. Die Salutogenese beschäftigt sich mit dem Modell der Gesundheitsfaktoren. Was hält einen Menschen gesund? Wie kann ich gesundheitsunterstützende Ressourcen und Schutzfaktoren entwickeln und für mich bestmöglich nutzen? Diese Perspektive ist während der Pandemie-Bekämpfung trotz Mahnung vieler Soziologen, Psychologen und Ärzt:innen teilweise sträflich vernachlässigt worden. Schon jetzt wird von einer drastischen Zunahme psychischer Erkrankungen gesprochen; die Langzeitfolgen werden uns jahrelang begleiten.

Antonovsky stellte insbesondere die Komponenten von Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit / Sinnhaftigkeit in den Mittelpunkt der Entstehung von Gesundheit. Einer seiner Forschungsschwerpunkte beleuchtete die Frage, wie Menschen Stress bewältigen können und gesund bleiben. Damit ist das Salutogenese-Modell aktueller denn je für moderne Konzepte der Arbeitswelt.

Das höchste Suchvolumen hatte der Begriff Gesundheit im Internet deutschlandweit übrigens zu Beginn des ersten Lockdowns im März 2020.

Wie Kohärenz entsteht

Kennen Sie das Gefühl, dass sich eine Entscheidung genau richtig anfühlt? Dass das, was Sie tun, stimmig ist? Antonovsky prägte für dieses Gefühl den Begriff Kohärenz – einen Zustand, in dem wir uns gut und zufrieden fühlen, als entscheidende Variable, um bei Herausforderungen und Krisen stark und widerstandsfähig zu bleiben und besser mit Stressauslösern umgehen zu können.

Das Kohärenzgefühl setzt sich aus drei Bestandteilen zusammen:

  • Ist die Herausforderung für Sie verstehbar? Was passiert gerade und warum? Was bedeutet das jetzt für Sie?
  • Ist die Herausforderung für Sie handhabbar? Was können Sie machen, um sich besser zu fühlen? Was brauchen Sie dazu und wer könnte Sie dabei unterstützen? Sind Sie davon überzeugt, das eigene Leben gestalten zu können?
  • Macht diese Herausforderung für Sie Sinn? Für was könnte die Krise oder die Veränderung gerade gut sein?

Wenn Sie sich regelmäßig diese Fragen ehrlich beantworten, erkennen Sie genau, wo Sie aktiv werden können und müssen, um sich an immer wieder ändernde Gegebenheiten anpassen zu können.

Das Salutogenese-Modell definiert Gesundheit als Ziel eines komplexen Prozesses. Wobei es auf die Wechselwirkung von Risiko- und Schutzfaktoren ankommt. Es geht nicht darum, nur das Positive zu sehen und bspw. Belastungs- bzw. Stressrisiken zu umgehen, sondern Bewältigungsstrategien aufzubauen, auf die man ein Leben lang zurückgreifen kann.

Was macht den Menschen resilient?

Gesundheit ist wiederum abhängig von Resilienz, die als Widerstandsfähigkeit bezeichnet wird. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Materialkunde und definiert, wie ein Gegenstand beschaffen sein muss, damit er von äußeren Einwirkungen vorübergehend verformt werden kann und anschließend in seine Ursprungsform zurückkehrt. Denken Sie z.B. an einen Luftballon.

Später bezeichnete die Resilienz in der Psychologie die Widerstandsfähigkeit und Robustheit von Personen, die trotz Krisen und Stresseinwirkungen in der Lage sind, ihr Leben positiv weiterzuleben. Man könnte die psychologische Resilienz als das Immunsystem der Seele bezeichnen – die Aufrechterhaltung oder schnelle Wiederherstellung der psychischen Gesundheit während oder nach Widrigkeiten.

Laut Resilienz-Forschung sind sieben Faktoren bei der Entstehung von Resilienz beteiligt.

Resiliente Menschen stehen mit ihren Gefühlen in Kontakt, verschließen die Augen nicht vor der Krise. Sie suchen nach Lösungen, holen sich Unterstützung und fühlen sich nicht lange als Opfer der Situation. Zudem bleiben sie optimistisch und planen voraus.

Anfang April 2020 (erster Lockdown) und Anfang Februar 2021, mitten im zweiten Lockdown, erreichte das Suchvolumen im Internet für den Begriff Resilienz ebenfalls Höchststände.

Überleben oder Entwicklung?

Das spiegelt wider, dass wir uns zumeist intensiv mit unserer Gesundheit und unserer Resilienz beschäftigen, wenn das Kind schon in den sprichwörtlichen Brunnen gefallen ist, d.h. in persönlichen, oder wie derzeit, in einer gesamtgesellschaftlichen Krisensituation.

Und bevor nur noch die Reißleine bleibt, lautet meine Antwort auf die Frage zu Beginn des Beitrags, ob Jura-Student:innen und Referendar:innen sich um ihre Work-Life-Balance kümmern dürfen und sollen, ganz klar Ja. Je früher Sie sich kümmern, desto besser. Wenn sich das Gehirn erst einmal im Krisen- / Stressmodus befindet, geht es nur noch ums Überleben, nicht mehr um das Lernen oder die Entwicklung. Wir fallen zurück in die Zeiten des Säbelzahntigers, als es bei Gefahren nur die Alternativen der Flucht, des Kampfes oder des Totstellens gab. Die typischen Verhaltensweisen in Stresssituationen, die jedoch keinen weiten Blick gestatten, geschweige denn dem Wohlbefinden dienen können.

Demnach sollten wir uns alle mit unserer Gesundheit und unserer Resilienz beschäftigen, bevor wir in stürmische Zeiten, wie bspw. die Examensvorbereitung, geraten. Will heißen, sorgen Sie bereits – bevor Sie in die entscheidende Phase der Vorbereitung auf das Examen gehen – gut für sich, damit Sie Ihr Ziel, das Studium erfolgreich abzuschließen, gesund erreichen und noch ausreichend Energie haben, dies auch entsprechend zu feiern.

Glück und Wohlbefinden

Wie kommen nun noch Glück und Wohlbefinden ins Spiel? Ein gelingendes und erfülltes Leben bedeutet: langfristiges psychologisches Wohlbefinden, Glück und Lebenszufriedenheit. Dies ist ein lebenslanger Prozess der Persönlichkeitsentwicklung. Er beginnt, sobald die grundlegenden psychischen Bedürfnissen (sogenannte Mangelbedürfnisse) des Menschen befriedigt sind. Es sind die Bedürfnisse nach Autonomie, positiven Beziehungen und Sinn. Sie sind bei allen Menschen gleich, mit unterschiedlicher Gewichtung. Ihren persönlichen „Füllstand“ der Bedürfnisse können Sie sich selbst beantworten, indem Sie sich, jeweils bezogen auf die psychischen Grundbedürfnisse, fragen: Was brauche ich? Was fehlt mir im Moment?

Blick zurück

Sind diese Bedürfnisse erfüllt, können Sie sich mit Ihren sogenannten Wachstumsbedürfnissen beschäftigen: Reflektieren Sie Ihre Vergangenheit. Nur dort finden Sie Antworten auf die Frage: Wer bin ich? Jeder Mensch hat das Bedürfnis, sich selbst als „gut“ oder „in Ordnung“ anzusehen. Diese Gefühle stellen sich ein, wenn Sie wissen, was Sie geprägt hat, welche Wurzeln Sie erden und welche Stärken Sie haben. So entsteht ein stabiler Selbstwert. Je stabiler Ihr Selbstwertgefühl unabhängig von jedweder Leistung ist, desto stressresistenter sind Sie. Und desto besser können Sie damit umgehen, wenn Ihre „Leistung“ mal nicht passt: „Ich bin richtig so, wie ich bin.“ Das Arbeiten in Kooperation mit anderen Menschen, zu denen Sie in positiver Beziehung stehen, erhöht den Selbstwert aller Gruppenmitglieder. Deswegen können bspw. feste Lerngruppen eine große Hilfe in Ihrer Examensvorbereitung sein. Dieses Gefühl miteinander arbeiten zu können, bei gleichzeitig ausreichender Autonomie in der positiven Beziehung, sorgt dafür, dass jede:r einzelne sich sinnvoll fühlt. Dadurch steigt wiederum bei allen der Selbstwert.

Blick nach vorne

Beim Blick in Ihre Zukunft werden Sie sich darüber klar, was Sie wollen. Beschäftigen Sie sich mit Ihren Wünschen und Zielen und bekommen Sie eine erste Idee für Ihre Entwicklung. Wie können Sie Ihre Stärken und Werte so einsetzen und danach handeln, dass sie zu Ihren Zielvorstellungen passen? Wie gelingt es Ihnen, darauf aufbauend, gute Entscheidungen zu treffen, um das passende Ziel für sich zu finden? Und wie schaffen Sie den nächsten Schritt, Ihre Zielerreichung so zu planen, dass Sie dieses auch erfolgreich erreichen können? All das ist wichtig, um ein stimmiges Selbstkonzept zu entwickeln.

Hier und Jetzt

Alles, was Sie dazu an Handwerkszeug benötigen, erfahren Sie in der Gegenwart. Sie wissen, was Sie können. Und Sie wissen, was zu tun ist. Sie kennen Ihre Kompetenzen. Was heißt das konkret für Ihre Examensvorbereitung? Machen Sie sich bewusst, welche Ressourcen und Schutzfaktoren Sie gesund halten. Führen Sie sich vor Augen, wie Sie Ihre innere Stärke bisher genutzt haben, um mit Misserfolgen/Lebenskrisen erfolgreich umzugehen, also resilient zu sein. Die Ergebnisse nutzen Sie für Ihre jeweils nächsten Entwicklungsschritte. Es ist ein ständiger Kreislauf, orientiert an: Ihren Stärken und Visionen, dem Entscheiden, Planen, Umsetzen und Reflektieren. Selbstverständlich müssen Sie Ihren Lernstoff verstehen, behalten und die Fähigkeit besitzen, Ihr Wissen anzuwenden. Vor allem müssen Sie erkennen, wofür Sie das gesamte Studium, die zahlreichen Hausarbeiten, die Klausuren und schließlich die Examina auf sich nehmen. Sie müssen Ihr Wofür kennen, d.h. wissen, wofür Sie all diese Mühen auf sich nehmen. Ist dies nicht der Fall, bekommen Sie es schnell mit der Angst zu tun, was zu Stress führt. In diesem Zustand kooperieren die beiden Gehirnhälften nicht mehr miteinander. Unser „Reptiliengehirn“ übernimmt die Kontrolle. Lernen ist in diesem Zustand praktisch nicht mehr möglich. Anders formuliert: Sie müssen sich in einem emotional guten Zustand befinden, damit Sie lernen können. Emotionen und Erkenntnisse sind eng miteinander verknüpft. Auch der Aufbau des menschlichen Gehirns ist an diese Struktur angelehnt: Sämtliche Informationen reisen vom emotionalen Teil des Gehirns zum analytischen Teil. Dieser emotionale Teil muss erreicht werden, damit Informationen dauerhaft verankert werden und das Lernen wirkungsvoll ist.

Eine gute Work-Life-Balance ist folglich mitentscheidend für Ihr erfolgreiches Examen.

Am 17. Februar 2022 erfahren Sie in meinem gemeinsam mit JurCase veranstalteten Webinar, wie Sie sich Ihrer Work-Life-Balance in 8 Schritten annähern können. Unter anderem erfahren Sie, wie Überzeugungen Ihnen helfen, stark und zuversichtlich zu bleiben. Neben diesem generellen Vorgehen erhalten Sie weitere konkrete Tipps und bekommen die Gelegenheit, im Anschluss an das Webinar Fragen zu stellen.
Gerlinde Böhm
Gerlinde Böhm

Gerlinde Böhm

Selbstständige Beraterin für Jurist:innen

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Erdulden oder Gestalten?

Darf ich mir als Jura-Student:in oder Rechtsreferendar:in, kurz vor dem Examen oder währenddessen, Gedanken über meine Work-Life-Balance machen? Steht mir das überhaupt schon zu? Habe ich mir das wirklich verdient bzw. darf und kann ich mir das überhaupt leisten?

Meine ganz klare Antwort: Ja!

Schlüssel für ein gelingendes Leben

Ich bin Gerlinde Böhm und coache Juristinnen und Juristen, die unzufrieden mit ihrer Work-Life-Balance sind. Als systemische Beraterin und Glücks-Coach begegnen mir viele Menschen unterschiedlichen Alters und in unterschiedlichen beruflichen und/oder privaten Lebensabschnitten. Eine Erkenntnis, die ich durch die Vielzahl meiner Coachings gewonnen habe: Die Anlässe, die zu meiner Beauftragung führen, sind vielfältig. Doch der tiefe Wunsch meiner Klient:innen, den Schlüssel für ein gelingendes Leben zu finden, eint alle. Daraus habe ich über die Zeit meine Definition von Work-Life-Balance entwickelt: eine gelingende und glückliche Lebensführung. Und diese muss insbesondere kurz vor und / oder im Examen gegeben sein.

Den Begriff „Work-Life-Balance“ verwende ich, auch wenn er teilweise überstrapaziert ist. Denn er ist bekannt und griffig. Und jede:r kann sich darunter etwas vorstellen. Außerdem gibt es im Deutschen leider keinen ebenso eingängigen äquivalenten Begriff.

Work-Life-Balance als Ziel persönlicher Entwicklung

Ein glückliches und somit gelingendes Leben bedeutet für jede:n etwas anderes; vielleicht vergleichbar damit, dass es für jedes Türschloss einen individuellen Türschlüssel gibt.

Um die Tür zur eigenen Work-Life-Balance zu öffnen, ist es wichtig zu wissen, was Gesundheit und Resilienz sowie Glück und Wohlbefinden miteinander zu tun haben. Und es ist wichtig zu wissen, dass niemandem die Work-Life-Balance frei Haus geliefert wird, sondern dass sie das Ergebnis eines aktiv zu gestaltenden persönlichen Entwicklungsprozesses ist. Dieser Prozess lohnt sich ungemein, gerade in einer so herausfordernden Phase kurz vor dem Examen oder währenddessen.

Was hält den Menschen gesund?

Werfen wir einen Blick auf zwei Aspekte, die ein großes Gewicht in der Waagschale der Lebens-Balance bilden: Gesundheit und Resilienz.

Die Weltgesundheitsorganisation definiert „Gesundheit“ als „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur als das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“

Wir können Gesundheit von zwei unterschiedlichen Ansätzen her betrachten. Von der klassischen, bislang dominierenden, defizitorientierten Sichtweise in unserem Gesundheitssystem – der Pathogenese. Sie erkundet das Modell der Krankheitsfaktoren: Was macht einen Menschen krank? Wie vermeidet man Risiko- und Belastungsfaktoren? Diese Herangehensweise stand und steht gerade im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie im gesamtgesellschaftlichen Fokus.

Ich bevorzuge den Ansatz des Medizinsoziologen Aaron Antonovsky (1923 – 1994) – die Salutogenese. Der Begriff ist abgeleitet von lateinisch salus ‚Gesundheit‘, ‚Wohlbefinden‘, und altgriechisch genesis ‚Geburt‘, ‚Entstehung‘. Die Salutogenese beschäftigt sich mit dem Modell der Gesundheitsfaktoren. Was hält einen Menschen gesund? Wie kann ich gesundheitsunterstützende Ressourcen und Schutzfaktoren entwickeln und für mich bestmöglich nutzen? Diese Perspektive ist während der Pandemie-Bekämpfung trotz Mahnung vieler Soziologen, Psychologen und Ärzt:innen teilweise sträflich vernachlässigt worden. Schon jetzt wird von einer drastischen Zunahme psychischer Erkrankungen gesprochen; die Langzeitfolgen werden uns jahrelang begleiten.

Antonovsky stellte insbesondere die Komponenten von Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit / Sinnhaftigkeit in den Mittelpunkt der Entstehung von Gesundheit. Einer seiner Forschungsschwerpunkte beleuchtete die Frage, wie Menschen Stress bewältigen können und gesund bleiben. Damit ist das Salutogenese-Modell aktueller denn je für moderne Konzepte der Arbeitswelt.

Das höchste Suchvolumen hatte der Begriff Gesundheit im Internet deutschlandweit übrigens zu Beginn des ersten Lockdowns im März 2020.

Wie Kohärenz entsteht

Kennen Sie das Gefühl, dass sich eine Entscheidung genau richtig anfühlt? Dass das, was Sie tun, stimmig ist? Antonovsky prägte für dieses Gefühl den Begriff Kohärenz – einen Zustand, in dem wir uns gut und zufrieden fühlen, als entscheidende Variable, um bei Herausforderungen und Krisen stark und widerstandsfähig zu bleiben und besser mit Stressauslösern umgehen zu können.

Das Kohärenzgefühl setzt sich aus drei Bestandteilen zusammen:

Wenn Sie sich regelmäßig diese Fragen ehrlich beantworten, erkennen Sie genau, wo Sie aktiv werden können und müssen, um sich an immer wieder ändernde Gegebenheiten anpassen zu können.

Das Salutogenese-Modell definiert Gesundheit als Ziel eines komplexen Prozesses. Wobei es auf die Wechselwirkung von Risiko- und Schutzfaktoren ankommt. Es geht nicht darum, nur das Positive zu sehen und bspw. Belastungs- bzw. Stressrisiken zu umgehen, sondern Bewältigungsstrategien aufzubauen, auf die man ein Leben lang zurückgreifen kann.

Was macht den Menschen resilient?

Gesundheit ist wiederum abhängig von Resilienz, die als Widerstandsfähigkeit bezeichnet wird. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Materialkunde und definiert, wie ein Gegenstand beschaffen sein muss, damit er von äußeren Einwirkungen vorübergehend verformt werden kann und anschließend in seine Ursprungsform zurückkehrt. Denken Sie z.B. an einen Luftballon.

Später bezeichnete die Resilienz in der Psychologie die Widerstandsfähigkeit und Robustheit von Personen, die trotz Krisen und Stresseinwirkungen in der Lage sind, ihr Leben positiv weiterzuleben. Man könnte die psychologische Resilienz als das Immunsystem der Seele bezeichnen - die Aufrechterhaltung oder schnelle Wiederherstellung der psychischen Gesundheit während oder nach Widrigkeiten.

Laut Resilienz-Forschung sind sieben Faktoren bei der Entstehung von Resilienz beteiligt.

Resiliente Menschen stehen mit ihren Gefühlen in Kontakt, verschließen die Augen nicht vor der Krise. Sie suchen nach Lösungen, holen sich Unterstützung und fühlen sich nicht lange als Opfer der Situation. Zudem bleiben sie optimistisch und planen voraus.

Anfang April 2020 (erster Lockdown) und Anfang Februar 2021, mitten im zweiten Lockdown, erreichte das Suchvolumen im Internet für den Begriff Resilienz ebenfalls Höchststände.

Überleben oder Entwicklung?

Das spiegelt wider, dass wir uns zumeist intensiv mit unserer Gesundheit und unserer Resilienz beschäftigen, wenn das Kind schon in den sprichwörtlichen Brunnen gefallen ist, d.h. in persönlichen, oder wie derzeit, in einer gesamtgesellschaftlichen Krisensituation.

Und bevor nur noch die Reißleine bleibt, lautet meine Antwort auf die Frage zu Beginn des Beitrags, ob Jura-Student:innen und Referendar:innen sich um ihre Work-Life-Balance kümmern dürfen und sollen, ganz klar Ja. Je früher Sie sich kümmern, desto besser. Wenn sich das Gehirn erst einmal im Krisen- / Stressmodus befindet, geht es nur noch ums Überleben, nicht mehr um das Lernen oder die Entwicklung. Wir fallen zurück in die Zeiten des Säbelzahntigers, als es bei Gefahren nur die Alternativen der Flucht, des Kampfes oder des Totstellens gab. Die typischen Verhaltensweisen in Stresssituationen, die jedoch keinen weiten Blick gestatten, geschweige denn dem Wohlbefinden dienen können.

Demnach sollten wir uns alle mit unserer Gesundheit und unserer Resilienz beschäftigen, bevor wir in stürmische Zeiten, wie bspw. die Examensvorbereitung, geraten. Will heißen, sorgen Sie bereits - bevor Sie in die entscheidende Phase der Vorbereitung auf das Examen gehen - gut für sich, damit Sie Ihr Ziel, das Studium erfolgreich abzuschließen, gesund erreichen und noch ausreichend Energie haben, dies auch entsprechend zu feiern.

Glück und Wohlbefinden

Wie kommen nun noch Glück und Wohlbefinden ins Spiel? Ein gelingendes und erfülltes Leben bedeutet: langfristiges psychologisches Wohlbefinden, Glück und Lebenszufriedenheit. Dies ist ein lebenslanger Prozess der Persönlichkeitsentwicklung. Er beginnt, sobald die grundlegenden psychischen Bedürfnissen (sogenannte Mangelbedürfnisse) des Menschen befriedigt sind. Es sind die Bedürfnisse nach Autonomie, positiven Beziehungen und Sinn. Sie sind bei allen Menschen gleich, mit unterschiedlicher Gewichtung. Ihren persönlichen „Füllstand“ der Bedürfnisse können Sie sich selbst beantworten, indem Sie sich, jeweils bezogen auf die psychischen Grundbedürfnisse, fragen: Was brauche ich? Was fehlt mir im Moment?

Blick zurück

Sind diese Bedürfnisse erfüllt, können Sie sich mit Ihren sogenannten Wachstumsbedürfnissen beschäftigen: Reflektieren Sie Ihre Vergangenheit. Nur dort finden Sie Antworten auf die Frage: Wer bin ich? Jeder Mensch hat das Bedürfnis, sich selbst als "gut" oder "in Ordnung" anzusehen. Diese Gefühle stellen sich ein, wenn Sie wissen, was Sie geprägt hat, welche Wurzeln Sie erden und welche Stärken Sie haben. So entsteht ein stabiler Selbstwert. Je stabiler Ihr Selbstwertgefühl unabhängig von jedweder Leistung ist, desto stressresistenter sind Sie. Und desto besser können Sie damit umgehen, wenn Ihre „Leistung“ mal nicht passt: „Ich bin richtig so, wie ich bin.“ Das Arbeiten in Kooperation mit anderen Menschen, zu denen Sie in positiver Beziehung stehen, erhöht den Selbstwert aller Gruppenmitglieder. Deswegen können bspw. feste Lerngruppen eine große Hilfe in Ihrer Examensvorbereitung sein. Dieses Gefühl miteinander arbeiten zu können, bei gleichzeitig ausreichender Autonomie in der positiven Beziehung, sorgt dafür, dass jede:r einzelne sich sinnvoll fühlt. Dadurch steigt wiederum bei allen der Selbstwert.

Blick nach vorne

Beim Blick in Ihre Zukunft werden Sie sich darüber klar, was Sie wollen. Beschäftigen Sie sich mit Ihren Wünschen und Zielen und bekommen Sie eine erste Idee für Ihre Entwicklung. Wie können Sie Ihre Stärken und Werte so einsetzen und danach handeln, dass sie zu Ihren Zielvorstellungen passen? Wie gelingt es Ihnen, darauf aufbauend, gute Entscheidungen zu treffen, um das passende Ziel für sich zu finden? Und wie schaffen Sie den nächsten Schritt, Ihre Zielerreichung so zu planen, dass Sie dieses auch erfolgreich erreichen können? All das ist wichtig, um ein stimmiges Selbstkonzept zu entwickeln.

Hier und Jetzt

Alles, was Sie dazu an Handwerkszeug benötigen, erfahren Sie in der Gegenwart. Sie wissen, was Sie können. Und Sie wissen, was zu tun ist. Sie kennen Ihre Kompetenzen. Was heißt das konkret für Ihre Examensvorbereitung? Machen Sie sich bewusst, welche Ressourcen und Schutzfaktoren Sie gesund halten. Führen Sie sich vor Augen, wie Sie Ihre innere Stärke bisher genutzt haben, um mit Misserfolgen/Lebenskrisen erfolgreich umzugehen, also resilient zu sein. Die Ergebnisse nutzen Sie für Ihre jeweils nächsten Entwicklungsschritte. Es ist ein ständiger Kreislauf, orientiert an: Ihren Stärken und Visionen, dem Entscheiden, Planen, Umsetzen und Reflektieren. Selbstverständlich müssen Sie Ihren Lernstoff verstehen, behalten und die Fähigkeit besitzen, Ihr Wissen anzuwenden. Vor allem müssen Sie erkennen, wofür Sie das gesamte Studium, die zahlreichen Hausarbeiten, die Klausuren und schließlich die Examina auf sich nehmen. Sie müssen Ihr Wofür kennen, d.h. wissen, wofür Sie all diese Mühen auf sich nehmen. Ist dies nicht der Fall, bekommen Sie es schnell mit der Angst zu tun, was zu Stress führt. In diesem Zustand kooperieren die beiden Gehirnhälften nicht mehr miteinander. Unser „Reptiliengehirn“ übernimmt die Kontrolle. Lernen ist in diesem Zustand praktisch nicht mehr möglich. Anders formuliert: Sie müssen sich in einem emotional guten Zustand befinden, damit Sie lernen können. Emotionen und Erkenntnisse sind eng miteinander verknüpft. Auch der Aufbau des menschlichen Gehirns ist an diese Struktur angelehnt: Sämtliche Informationen reisen vom emotionalen Teil des Gehirns zum analytischen Teil. Dieser emotionale Teil muss erreicht werden, damit Informationen dauerhaft verankert werden und das Lernen wirkungsvoll ist.

Eine gute Work-Life-Balance ist folglich mitentscheidend für Ihr erfolgreiches Examen.

Am 17. Februar 2022 erfahren Sie in meinem gemeinsam mit JurCase veranstalteten Webinar, wie Sie sich Ihrer Work-Life-Balance in 8 Schritten annähern können. Unter anderem erfahren Sie, wie Überzeugungen Ihnen helfen, stark und zuversichtlich zu bleiben. Neben diesem generellen Vorgehen erhalten Sie weitere konkrete Tipps und bekommen die Gelegenheit, im Anschluss an das Webinar Fragen zu stellen. Deine Work-Life-Balance in der Examensvorbereitung: Eine Annäherung in 8 Schritten (Kostenloses Webinar) JurCase GmbH Eventtermin: 17.02.2022