Dennis Hillemann ist Fachanwalt für Verwaltungsrecht und Partner bei ADVANT Beiten. Darüber hinaus ist er mit einem Podcast und auf den sozialen Medien sehr präsent – insbesondere auf LinkedIn. Dort berichtet er unter anderem darüber, wie er Unternehmen gegen staatliche Willkür vertritt und setzt sich mit Bürokratie sowie dem Anwaltsberuf auseinander.
Besonders aufmerksam wurde unser Redaktionsleiter Sebastian M. Klingenberg jedoch auf einen Beitrag, in dem Rechtsanwalt Hillemann zehn Dinge nannte, die ihm sein Jurastudium nicht beigebracht hat. Ein spannendes Thema, das in diesem Interview näher beleuchtet werden soll – auch mit Blick auf das Referendariat und die anwaltliche Praxis.
Kurzvorstellung Dennis Hillemann
Dennis Hillemann ist Partner bei ADVANT Beiten am Standort Hamburg und Fachanwalt für Verwaltungsrecht. Als Mitglied der Praxisgruppe Public Sector berät er Mandantinnen und Mandanten in den Bereichen Verwaltungsrecht, Verwaltungsprozessrecht, Subventionsrecht sowie EU-Beihilferecht. Seit seiner Zulassung im Jahr 2006 ist er als Rechtsanwalt tätig – und bringt damit fast 20 Jahre Berufserfahrung mit. Über seinen Podcast „Recht im Ohr“, der mittlerweile mehr als 150 Folgen umfasst, macht er juristische Themen einem breiten Publikum zugänglich. Auf LinkedIn schreibt er regelmäßig über den Anwaltsberuf, Legal Tech, Führung in Kanzleien und die Zukunft des Rechtsmarkts. Er selbst beschreibt sich als „Lawyer with a passion for the law firm of tomorrow.“
Kurzvorstellung von ADVANT Beiten
ADVANT Beiten ist eine unabhängige Wirtschaftskanzlei, die 1990 gegründet wurde. Mit rund 240 Anwältinnen und Anwälten, Steuerberaterinnen und Steuerberatern sowie Wirtschaftsprüferinnen und Wirtschaftsprüfern ist die Kanzlei an sechs deutschen Standorten vertreten: Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Freiburg, Hamburg und München. Darüber hinaus unterhält ADVANT Beiten internationale Büros in Brüssel, London, Moskau und Peking. Als deutsches Mitglied von ADVANT – einer europäischen Allianz unabhängiger Wirtschaftskanzleien mit über 600 Berufsträgerinnen und Berufsträgern an 15 Standorten – bietet die Kanzlei eine grenzüberschreitende Beratung auf höchstem Niveau. ADVANT Beiten berät den Mittelstand, Großunternehmen, Banken, Stiftungen und die öffentliche Hand in allen Disziplinen des Wirtschaftsrechts.
Interview
Dennis Hillemann: Gerne. Die zehn Punkte waren:
- Wie man einem Mandanten sagt, dass sein Fall aussichtslos ist – ehrlich, aber empathisch
- Wie man Honorare verhandelt, ohne sich unter Wert zu verkaufen
- Wie man mit Richtern umgeht, die einen nicht mögen
- Wie man ein Team führt, das unter Druck funktioniert
- Wie man Nein sagt, ohne den Mandanten zu verlieren
- Wie man damit umgeht, dass fremde Existenzen von deiner Arbeit abhängen
- Wie man Netzwerke aufbaut, die nach 10 Jahren noch tragen
- Wie man in einer Großkanzlei mit Office Politics umgeht
- Wie man sichtbar wird, ohne sich anzubiedern
- Wie man nach einem verlorenen Verfahren weiter kämpft
Wenn ich zwei oder drei herauspicken müsste, wären es die Punkte 2 und 4, also die Honorarverhandlung und der Aufbau eines stressresistenten Teams, dann Punkt 6 – das Gewicht der Verantwortung – und Punkt 7, der Aufbau tragfähiger Netzwerke. Offen gesagt fällt es jedoch schwer, hier einzelne Punkte besonders herauszustellen.
Warum gerade diese? Als Anwältin und Anwalt ist jeder von uns auch unternehmerisch tätig. Aber die unternehmerischen Finessen bekommen wir im Studium nicht beigebracht. Sich unter Wert verkaufen und betriebswirtschaftlich nicht sinnvoll handeln kann jede junge Juristin schädigen. Auch will sich niemand unter Wert verkaufen, ohne gleich zu hoch zu pokern. Richtig gute Honorare vereinbaren ist daher eine wichtige Kunst. Noch wichtiger ist jedoch das Team und das Lernen von Führung. Auch das wird im Studium oder Referendariat nicht beigebracht. Doch ist fast alles, was wir als Juristen machen, Teamarbeit, und wer als Anwalt arbeitet, wird häufig kleine oder große Teams effizient führen müssen. Hier zählen andere Skills als Subsumtion.
Punkt 6, das Gewicht der Verantwortung, unterschätzen viele. Als junge Anwältin oder junger Anwalt begreift man oft erst im Mandat, dass hinter jeder Akte ein Mensch steht, dessen Existenz von deiner Arbeit abhängen kann. Das lehrt dich kein Lehrbuch. Das lernst du, wenn du zum ersten Mal einem Mandanten gegenübersitzt, der alles auf deine Karte setzt. Dieses Gewicht trägt man mit sich – jeden Tag.
Und Netzwerke? Die meisten Juristinnen und Juristen fangen erst an, Netzwerke aufzubauen, wenn sie sie brauchen. Dann ist es zu spät. Mein bester Mandant heute kam über einen Kontakt, den ich vor 10 Jahren kennengelernt habe. Nicht weil ich damals an Akquise gedacht habe, sondern weil wir ein ehrliches Gespräch geführt haben. Netzwerke, die tragen, baut man auf, bevor man sie braucht.
Dennis Hillemann: Das Studium hat mir eines beigebracht, das ich bis heute jeden Tag brauche: strukturiertes Denken. Die juristische Dogmatik, die Fähigkeit, einen komplexen Sachverhalt in seine Bestandteile zu zerlegen, Tatbestandsmerkmale sauber zu prüfen – das ist eine intellektuelle Disziplin, die ihresgleichen sucht. Dafür bin ich dankbar.
Aber – und das ist ein großes Aber – alles, was den Beruf tatsächlich ausmacht, fehlte gefühlt komplett. Keine Mandantenkommunikation. Keine Verhandlungsführung. Kein Wort über die wirtschaftliche Seite einer Kanzlei. Technologie? Jedenfalls damals Fehlanzeige. Führung? Nicht existent. Wir wurden darauf trainiert, perfekte Gutachten zu schreiben. Aber niemand hat uns beigebracht, wie man die Ergebnisse dieser Gutachten einem Mandanten erklärt, der kein Jurist ist.
Das Referendariat gibt einem dann einen kurzen Einblick in die Praxis – aber auch hier bleibt vieles theoretisch. Man schreibt Urteile, statt zu verhandeln. Man sitzt im Sitzungssaal und beobachtet, statt selbst zu agieren. Die Anwaltsstation ist ein Lichtblick, wenn man an eine gute Ausbilderin oder einen guten Ausbilder gerät. Aber das ist Glückssache. Strukturell ist das Referendariat immer noch zu sehr darauf ausgerichtet, Richterinnen und Richter auszubilden, nicht Anwältinnen und Anwälte.
Was ich mir wünschen würde? Pflichtmodule in Kommunikation und Verhandlungsführung. Ein Grundkurs Kanzleimanagement. Und ja: auch eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Frage, was es bedeutet, die Verantwortung für fremde Existenzen zu tragen. Das sind keine Soft Skills. Das ist der harte Kern des Berufs.
Dennis Hillemann: Eine ganze Menge, wenn sie es denn tun. Das Problem ist: Die meisten warten ab. Auf den Abschluss, auf die Zulassung, auf den ersten Job. Und dann stehen sie da und merken, dass ihnen grundlegende Fähigkeiten fehlen.
Erstens: Lernt, klar zu schreiben. Und damit meine ich nicht Juristendeutsch, sondern verständliches Deutsch. Die Fähigkeit, einen komplexen Sachverhalt so aufzubereiten, dass ihn ein Nichtjurist versteht, ist Gold wert. Ich habe Kolleginnen und Kollegen, die brillante juristische Köpfe sind – aber deren Schriftsätze liest kein Mandant freiwillig. Das ist ein Problem.
Zweitens: Baut euch früh ein Netzwerk auf. Geht auf Veranstaltungen, sprecht mit Praktikerinnen und Praktikern, nutzt LinkedIn oder welches soziale Netzwerk gerade angesagt ist. Nicht, um euch zu verkaufen, sondern um zu lernen. Wer erst anfängt, Kontakte zu knüpfen, wenn er oder sie den ersten Mandanten braucht, hat bereits verloren.
Drittens: Nutzt die Anwaltsstation aktiv. Bittet darum, bei Mandantengesprächen dabei zu sein. Geht zu Gerichtsverhandlungen. Fragt, ob ihr Schriftsätze entwerfen dürft. Die Anwaltsstation ist die einzige Phase im Referendariat, in der ihr echte Anwaltstätigkeit erleben könnt – verschenkt sie nicht.
Viertens: Versteht die Grundlagen der Betriebswirtschaft. Was ist eine Gewinnmarge? Wie funktioniert die Rechnungsstellung? Was kostet es, eine Kanzlei zu betreiben? Klingt banal, aber die meisten Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger haben davon keine Ahnung.
Und fünftens: Nehmt die Schlüsselqualifikationen ernst. Rhetorik und Verhandlungsführung sind keine Lückenfüller im Studium. Sie sind genuinely useful – wenn sie gut gemacht sind. Ich sage das als jemand, der sie damals selbst eher als lästige Pflicht betrachtet hat. Das war ein Fehler.
Dennis Hillemann: Ich erzähle Ihnen eine Geschichte aus meinen ersten Berufsjahren. Ein Student kam zu mir, der durch die letzte Prüfung gefallen war. Er war überzeugt, im Recht zu sein. Emotional, aufgeladen, bereit zu kämpfen. Und ich? Ich habe ihm in drei Sätzen erklärt, warum er verlieren wird. Rechtlich korrekt. Menschlich eine Katastrophe. Der hat mir zu Recht eine böse E-Mail geschrieben später.
Er ist gegangen und hat dann sicher einen anderen Anwalt genommen. Der wird es dann sicher besser gemacht haben. Weil der andere ihm zugehört hat. Weil er ihn ernst genommen hat. Weil er ihm erklärt hat, warum der Fall schwierig ist – nicht einfach nur, dass er aussichtslos ist.
Das war eine der wichtigsten Lektionen meiner Karriere. Seitdem habe ich einen Grundsatz: Zuerst zuhören. Dann erklären. Der Mandant muss das Gefühl haben, dass man sein Anliegen verstanden hat, bevor man es juristisch einordnet. Nicht die Diagnose liefern, bevor man den Patienten angehört hat.
Der Unterschied zwischen juristischer Argumentation und Mandantenkommunikation? Juristische Argumentation überzeugt Gerichte. Mandantenkommunikation überzeugt Menschen. Und manchmal lautet der beste juristische Rat: „Sie haben Recht, aber Sie werden nicht Recht bekommen.“ Das ist ein Satz, der wehtut – aber wenn man ihn richtig einbettet, wenn man den Weg dahin erklärt, dann respektieren Mandantinnen und Mandanten das. Was sie nicht respektieren, ist Arroganz. Und genau das war ich am Anfang: arrogant. Nicht absichtlich, aber aus Unsicherheit. Ich habe mich hinter meinem Fachwissen versteckt, statt wirklich zu kommunizieren.
Dennis Hillemann: „Nein“ ist eines der wichtigsten Wörter in unserem Beruf. Und eines der schwierigsten.
Viele junge Anwältinnen und Anwälte – und ehrlich gesagt auch einige erfahrene – sagen zu allem Ja. Ja, wir übernehmen das. Ja, das schaffen wir bis Freitag. Ja, das ist kein Problem. Und dann liefern sie Mittelmaß, weil sie sich übernommen haben. Oder sie sagen Ja zu einem Rechtsgebiet, das nicht ihres ist, und machen Fehler. Das ist nicht nur unprofessionell, das ist gefährlich.
Ich habe gelernt: Ein klares Nein mit Begründung baut mehr Vertrauen auf als ein weiches Ja. Wenn ein Mandant zu mir kommt mit einem arbeitsrechtlichen Problem, sage ich: „Herr Müller, das ist nicht mein Fachgebiet. Ich könnte mich einarbeiten, aber Sie verdienen jemanden, der das jeden Tag macht. Ich empfehle Ihnen eine Kollegin, die darin hervorragend ist.“
Kurzfristig ist der Mandant dann bei einer Partnerkollegin, was ja auch der Sinn einer größeren Kanzlei ist. Langfristig gewinne ich etwas viel Wertvolleres: Glaubwürdigkeit. Der Mandant weiß, dass ich ihm nicht irgendetwas verkaufe, sondern ehrlich berate. Und er kommt wieder – mit einem verwaltungsrechtlichen Problem, bei dem ich wirklich helfen kann.
Nein sagen heißt auch: Grenzen setzen. Nein, ich bin am Wochenende nicht erreichbar, wenn es kein Notfall ist. Nein, diesen Schriftsatz schaffe ich nicht in zwei Tagen, wenn er gut sein soll. Das erfordert Selbstbewusstsein. Aber Mandantinnen und Mandanten respektieren Klarheit. Was sie nicht respektieren, ist jemand, der alles verspricht und nichts hält.
Ich sage es, wie es ist: Als ich als Anwalt zugelassen wurde, hatte ich keine Ahnung vom Gebührenrecht. Null. Ich wusste, wie man einen Verwaltungsakt anficht, aber nicht, wie man dafür eine korrekte Rechnung schreibt. Das ist absurd, wenn man darüber nachdenkt.
In einer Großkanzlei wird das teilweise aufgefangen, weil es Fachangestellte gibt, die die Abrechnungen vorbereiten. Aber auch dort muss man als Anwältin oder Anwalt verstehen, was man tut. Man muss wissen, was eine Stunde Arbeit kostet, was die Kanzlei für Overhead hat, was der eigene Stundensatz an Deckungsbeitrag bringt. Das klingt nach BWL? Ist es auch. Und genau das fehlt in der Ausbildung.
Die Wahrheit ist: Wir betreiben ein Geschäft. Eine Kanzlei ist ein Unternehmen. Wir haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Gehälter brauchen, Mietverträge, IT-Kosten, Versicherungen. Wenn ich meine Leistung nicht angemessen abrechne, gefährde ich nicht nur meine eigene Existenz, sondern auch die meiner Kolleginnen und Kollegen und meines Teams.
Das RVG zu verstehen, ist essentiell. Nicht nur als Rechenaufgabe, sondern als Grundlage für die wirtschaftliche Seite unseres Berufs. Ich habe das auf die harte Tour gelernt – durch Fehler, durch Nachfragen, durch peinliche Momente, in denen mir eine Fachangestellte erklären musste, warum meine Abrechnung falsch war. Das hätte nicht sein müssen, wenn das Thema in der Ausbildung ernstgenommen würde.
Dennis Hillemann: Keine einfache Frage für mich als Partner einer Großkanzlei, und das kann auch nicht pauschal beantwortet werden.
Bei hohen Streitwerten können auch gesetzliche Gebühren in der Großkanzlei angemessen sein. Aber natürlich gibt es noch oft Vergütungsvereinbarungen, mit einer überragenden Bedeutung der Stundenabrechnung, der billable hour. Deren Bedeutung nimmt aber ab, an ihre Stelle treten Pauschalvergütungen.
Wenn ein Unternehmen eine komplexe beihilferechtliche Beratung braucht, die Wochen dauert und tief in die Materie geht, dann bilden die gesetzlichen Gebühren den Aufwand nicht ab. Dann braucht man eine Vergütungsvereinbarung.
Und am Ende gilt natürlich: Was kann und will der Mandant sich leisten? Was ist es ihm wert? In welchem Bereich bin ich tätig? Wenn ich im Sozialrecht berate, werde ich keine hohen Stundensätze abrechnen können.
Das Entscheidende ist Transparenz. Mandantinnen und Mandanten müssen von Anfang an wissen, was auf sie zukommt. Keine versteckten Kosten, keine bösen Überraschungen. Ich bespreche die Kosten immer im Erstgespräch. Das fühlt sich manchmal unangenehm an, besonders wenn man noch jung ist. Aber es ist professionell.
Und dann gibt es noch etwas, das ich jeder jungen Kollegin und jedem jungen Kollegen mitgebe: Entschuldigt euch nie für eure Gebühren. Wenn du dich für dein Honorar rechtfertigst, hast du schon verloren. Ihr liefert einen Wert. Ihr habt jahrelang studiert, euch spezialisiert, Erfahrung gesammelt. Das hat einen Preis. Wer das nicht anerkennt, ist nicht der richtige Mandant.
Dennis Hillemann: Kurze Antwort: Nein.
Lange Antwort: Das Referendariat tut so, als ob die wirtschaftliche Seite des Anwaltsberufs nicht existiert. Man lernt, Klageschriften zu schreiben und Rechtsmittel einzulegen. Aber niemand erklärt einem, wie eine Kanzlei funktioniert. Was eine GuV ist. Was Deckungsbeitrag bedeutet. Wie Mandantenakquise geht. Wie man ein Angebot schreibt. Wie man ein Team führt und Gehälter zahlt.
Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Ich habe ja nicht in der Großkanzlei angefangen, sondern in einer kleinen Kanzlei. Wir mussten Geld verdienen, um Miete und Gehälter zu bezahlen. Alles, was ich über Kanzleiführung weiß, habe ich on the job gelernt. Durch Versuch und Irrtum. Durch kluge Kolleginnen und Kollegen, die mir Dinge erklärt haben. Durch Bücher, die ich abends gelesen habe, weil es tagsüber nie dafür Zeit gab.
Für diejenigen, die eine Einzelkanzlei oder Boutique-Kanzlei gründen wollen, ist das besonders kritisch. Ihr seid nicht nur Anwältin oder Anwalt, ihr seid Unternehmerin oder Unternehmer. Ihr braucht ein Grundverständnis von Buchhaltung, Marketing, Preisgestaltung, Personalführung. Das alles lernt man nicht im Repetitorium.
Was ich jeder Studentin und jedem Studenten rate: Lest ein Buch über Unternehmensführung. Sprecht mit Anwältinnen und Anwälten, die ihre eigene Kanzlei betreiben, und fragt sie nach der wirtschaftlichen Realität. Es ist nicht glamourös, aber es ist die Wahrheit: Ohne wirtschaftliches Verständnis wird die beste juristische Expertise nicht reichen.
Dennis Hillemann: Ich hatte einen Richter – den Namen nenne ich natürlich nicht – der mich in einer Verhandlung vor allen Beteiligten zusammengefaltet hat. Nicht wegen meiner Argumentation, sondern weil ihm mein Vortragsstil nicht passte. Das war demütigend. Und lehrreich.
Was ich in dem Moment gelernt habe: Wer laut wird, hat schon verloren. Mein erster Impuls war, zurückzuschießen. Das wäre spektakulär gescheitert. Stattdessen habe ich tief durchgeatmet, sachlich weiter vorgetragen und am Ende der Verhandlung einen guten Vergleich erzielt. Am Ende war die Stimmung dann locker.
Was in der Ausbildung komplett unterschätzt wird: Verhandlungsführung, Zeugenbefragung, Aussagepsychologie. Das Referendariat bringt einem bei, Urteile zu schreiben – nicht, in einem Gerichtssaal zu bestehen. Aber Körpersprache zählt. Stimmkontrolle zählt. Die Fähigkeit, auf eine unerwartete Wendung souverän zu reagieren, zählt. All das kann man trainieren, aber es wird nicht trainiert.
Und dann gibt es die gegnerischen Kolleginnen und Kollegen, die bewusst provozieren. Die laut werden, persönlich werden, den Sachverhalt verzerren. Auch hier: Ruhe bewahren. Fakten sprechen lassen. Professionalität ist der beste Konter. Ich habe noch nie erlebt, dass ein Gericht jemanden belohnt hat, der sich im Ton vergriffen hat. Noch nie.
Dennis Hillemann: Erstens und vor allem: Sitzt nicht einfach da und macht Notizen. Das klingt banal, aber ich sehe es bei fast jedem Referendar und jeder Referendarin. Sie sitzen in der Verhandlung, schreiben mit, und gehen nach Hause. Das reicht nicht.
Bereitet euch vor. Lest die Akte, bevor ihr in die Verhandlung geht. Bildet euch eine eigene Meinung. Was würdet ihr als Anwalt oder Anwältin vortragen? Welche Strategie würdet ihr wählen? Und dann beobachtet, was tatsächlich passiert, und vergleicht es mit eurer eigenen Einschätzung. Das ist der größte Lerneffekt.
In der Anwaltsstation: Bittet darum, Schriftsätze zu entwerfen. Fragt, ob ihr bei Mandantengesprächen dabei sein könnt. Geht zu Verhandlungen mit. Und dann stellt die entscheidende Frage, die zu wenige stellen: „Warum haben Sie sich für diese Strategie entschieden?“ Nicht „Was“, sondern „Warum“. Das Warum ist es, das euch weiterbringt.
Baut Beziehungen auf. Zu anderen Referendarinnen und Referendaren, aber auch zum Kanzleipersonal und zu den Geschäftsstellenmitarbeiterinnen und -mitarbeitern am Gericht. Ich sage das nicht aus Kalkül, sondern aus Überzeugung: Die besten Informationen, die schnellsten Lösungen und die angenehmsten Arbeitstage habe ich den Menschen zu verdanken, die ich mit Respekt behandelt habe – unabhängig von ihrer Position.
Und noch etwas: Habt keine Angst, Fehler zu machen. Die Anwaltsstation und der Sitzungsdienst sind der letzte geschützte Raum, in dem Fehler erlaubt sind. Nutzt das.
Eine riesige. Und ich sage das nicht, weil ich selbst auf LinkedIn aktiv bin, sondern weil ich die Auswirkungen jeden Tag sehe.
Als ich vor einigen Jahren angefangen habe, auf LinkedIn über den Anwaltsberuf, Führung und Legal Tech zu schreiben, war das in der deutschen Anwaltschaft noch ungewöhnlich. Viele Kolleginnen und Kollegen haben mich belächelt. „Was soll das? Anwälte machen sowas nicht.“ Heute fragen mich dieselben Kolleginnen und Kollegen, wie sie anfangen sollen.
Mein Ansatz war immer: Authentizität vor Perfektion. Ich schreibe über Dinge, die mich wirklich beschäftigen. Über Fehler, die ich gemacht habe. Über Fragen, die mich umtreiben. Kein Corporate-Sprech, keine polierten Marketingtexte. Die Posts, die am meisten resonieren, sind die, in denen ich ehrlich bin. Nicht die, in denen ich besonders schlau klinge.
Sichtbarkeit ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Werkzeug. Wenn ich einen Fachbeitrag über EU-Beihilferecht schreibe und jemand diesen Beitrag liest und mich deswegen anruft – dann hat Sichtbarkeit einen konkreten Mandanten gebracht. Ohne dass ich jemals kalt akquiriert habe.
Aber – und das ist mir wichtig – Netzwerke müssen echt sein. Nicht transaktional. Ich vernetze mich nicht mit Menschen, weil sie mir nützlich sein könnten. Ich vernetze mich mit Menschen, die mich interessieren. Manche werden Mandantinnen und Mandanten, manche werden Freundinnen und Freunde, manche bleiben Bekannte. Das ist okay. Der Fehler, den viele machen: Sie sehen Networking als Vertriebskanal. Das spüren Menschen sofort – und es funktioniert nicht.
Mein Rat an junge Juristinnen und Juristen: Fangt früh an. Seid konsistent. Teilt echte Einblicke, nicht nur Kanzleimarketing. Und habt Geduld – Sichtbarkeit baut sich nicht über Nacht auf. Aber sie zahlt sich aus. Jeden Tag.
Dennis Hillemann: Drei Dinge. Keine zehn, keine zwanzig. Drei, die wirklich zählen.
Erstens: Entwickelt ein echtes Interesse an Menschen, nicht nur am Recht. Eure Mandantinnen und Mandanten sind Menschen, keine Akten. Sie kommen zu euch, weil sie ein Problem haben, das sie nicht selbst lösen können. Oft sind sie verunsichert, manchmal verängstigt, fast immer gestresst. Wenn ihr sie nur als Subsumtionsmaterial betrachtet, werdet ihr fachlich vielleicht bestehen – aber als Anwältin oder Anwalt werdet ihr scheitern. Empathie ist keine Schwäche. Sie ist eine Kernkompetenz.
Zweitens: Lernt, klar zu kommunizieren. Schriftlich, mündlich, in Präsentationen. Niemand wurde jemals eingestellt, weil sein juristisches Gutachten das unverständlichste war. Die besten Anwältinnen und Anwälte, die ich kenne, können einem Laien in drei Sätzen erklären, worum es geht. Das ist eine Kunst, die man üben muss. Schreibt Blogbeiträge, haltet Vorträge, erklärt eurer Familie beim Abendessen, woran ihr arbeitet. Wenn eure Großmutter es versteht, seid ihr auf dem richtigen Weg.
Drittens: Findet heraus, was für eine Anwältin oder was für ein Anwalt ihr sein wollt, bevor ihr anfangt. Großkanzlei, Boutique, Einzelkanzlei, Rechtsabteilung – jeder dieser Wege erfordert andere Fähigkeiten, bringt andere Herausforderungen mit sich und bietet andere Chancen. Besucht Kanzleien, sprecht mit Anwältinnen und Anwälten in verschiedenen Konstellationen, macht Praktika nicht nur beim Namen, den ihr im Lebenslauf haben wollt, sondern dort, wo ihr wirklich lernen könnt. Die Entscheidung, wo ihr anfangt, prägt die ersten Jahre eurer Karriere. Trefft sie informiert, nicht aus Prestige.
Das Studium lehrt Recht. Der Beruf lehrt alles andere. Fangt mit dem „alles andere“ nicht erst an, wenn es zu spät ist.
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