Erfahrungsberichte-von-Regina_FB-1024×536

Welche Kanzlei ist die Richtige für mich?

– Erfahrungsbericht und Tipps für die Wahl der richtigen Kanzlei (-art) –

Spätestens sobald sich die Anstrengung der mündlichen Prüfung gelegt hat, stellt sich euch die wichtige Frage: Wie soll es jetzt beruflich weitergehen? Selbst wenn ihr – ggf. mithilfe meines separaten Erfahrungsberichtes hierzu – bereits die erste Hürde genommen und euch gegen den Staatsdienst und für die Rechtsanwaltschaft entschieden habt, bleibt noch die Frage, welche Kanzlei (-art) die Richtige für euch ist.

Der folgende Erfahrungsbericht soll euch ein paar Tipps geben, worauf ihr bei der Auswahl eurer zukünftigen Kanzlei besonders achten solltet.

Der Einzelanwalt

Lasst uns zunächst einen Überblick über die verschiedenen Kanzleiarten gewinnen. Ganz nach dem Prinzip „David gegen Goliath“ beginne ich mit dem Einzelkämpfer unter den Anwälten, dem Einzelanwalt und ende mit der Großkanzlei.

Als Einzelanwalt arbeitet ihr überwiegend allein und lasst euch nur im Rahmen der Organisation oder Kanzleiverwaltung von juristischen Mitarbeitern und dem Sekretariat unterstützen. Hierbei habt ihr erfahrungsgemäß den engsten persönlichen Kontakt zu euren Mandanten. Allerdings habt ihr als Einzelanwalt regelmäßig nur die Kapazitäten, um Einzelpersonen oder kleine Unternehmen zu vertreten. Im Rahmen der Akquise, der etwaigen Spezialisierung sowie der Work-Life-Balance habt ihr hier die größte Entscheidungsfreiheit. Zusätzlich stehen die erwirtschafteten Gewinne euch allein zu. Ihr müsst allerdings auch etwaige Verluste selbst ausgleichen und tragt die alleinige Verantwortung für euer Unternehmen sowie die Mitarbeiter.

Insbesondere, wenn ihr bereits feste Vorstellungen für die berufliche Ausgestaltung eurer anwaltlichen Tätigkeit habt und euer Privatleben flexibel hiermit in Einklang bringen wollt, ist die Tätigkeit als Einzelanwalt für euch interessant.

Die Allgemeinkanzlei

Das nächstgrößere tradierte Modell ist der Allgemeinanwalt. Die Kanzleiteams bestehen hier meist aus wenigen Anwälten, juristischen Mitarbeitern sowie dem Sekretariat. Die Allgemeinkanzlei versucht, ein möglichst großes Spektrum an Rechtsgebieten abzudecken, um eine ganzheitliche Beratung von Privatpersonen oder kleineren Unternehmen zu erreichen. Soweit es euer Ziel ist, einen engen persönlichen Mandantenkontakt zu halten, aber trotzdem nicht die alleinige (finanzielle) Verantwortung zu tragen, kann die Tätigkeit als Allgemeinanwalt für euch das richtige Modell sein. Gleiches gilt, soweit ihr euch nicht auf ein Rechtsgebiet spezialisieren, sondern breit aufgestellt agieren mögt. Indem ihr Teil eines Kanzleiteams seid, kommt ihr zwar in den Genuss eines Auffangnetzes, könnt aber ggf. weniger eigene Vorstellungen als in einer Einzelanwaltskanzlei umsetzen.

Die Boutique-Kanzlei

Die Boutique-Kanzlei ist auf Spezialisierung angelegt. Hier tätige Anwälte fokussieren sich zumeist gemeinsam nur auf ein Rechtsgebiet. Größentechnisch kann eine Boutique-Kanzlei sich sowohl an einer Allgemein- wie auch an einer Großkanzlei orientieren. Entsprechend variieren auch die Gehalts-, Aufstiegs- und Lebensplanungsmöglichkeiten. Überwiegend sind nur wenige Anwälte, juristische Mitarbeiter sowie das Sekretariat tätig. Durch den Grad an Spezialisierung spricht dieses Modell gezielt Mandanten an, die umfassende Problemlösungen in diesem einen Rechtsbereich begehren. Falls ihr eine Vorliebe für ein bestimmtes Rechtsgebiet hegt, die ihr umfassend ausleben möchtet, seid ihr in einer Boutique-Kanzlei an der richtigen Adresse. Allerdings ist der Wechsel eines Interessengebietes, anders als in einer Allgemeinkanzlei, meist nicht umsetzbar.

Die mittelständische Kanzlei

Als Anwalt in einer mittelständischen Kanzlei arbeitet ihr teilweise mit bis zu fünfzig anderen Rechtsanwälten, den juristischen Mitarbeitern sowie dem Sekretariat zusammen. Im Vergleich zur Boutique-Kanzlei wird hierbei auf eine breitere Aufstellung geachtet, um mittelständische Unternehmen und Privatpersonen anzuziehen. Zumeist arbeitet ihr hierbei in kleinen Teams mit direktem Mandantenkontakt. Da ihr Teil eines größeren Teams als in einer Allgemeinkanzlei seid, habt ihr regelmäßig auch höhere Verdienstmöglichkeiten. Mit steigender Mitarbeiterzahl steigt entsprechend aber auch der Konkurrenzdruck unter den Kollegen regelmäßig an, was sich negativ auf eure Work-Life-Balance auswirken kann.

Die Großkanzlei

Und nun zu den angehenden Harvey Specters unter euch: Willkommen in der Großkanzlei. In dieser wird darauf geachtet, möglichst viele, umfangreiche Mandate mit hohem Umsatz – meist auf dem Bereich des Wirtschaftsrechts – zu akquirieren. Mandanten sind meist Großunternehmen. Wer einen kurzen Blick auf Freshfields oder CMS wirft, sieht sofort, dass ihr hierbei gut und gern mit über hundert anderen Berufsträgern zusammenarbeiten könnt. Um den Organisations- und Verwaltungsaufwand zu bewältigen, sind zusätzlich noch teilweise genauso viele juristische Mitarbeiter und Sekretariatskräfte von Nöten. Entsprechend ist in der Großkanzlei eine effektive Arbeitsteilung erforderlich, sodass hohe Spezialisierungsmöglichkeiten bestehen. Gleichsam seid ihr hierbei oftmals auf internationaler Ebene beschäftigt und solltet entsprechend reisefreudig sein. Die bekanntesten Vorteile der Tätigkeit in einer Großkanzlei sind der vergleichsweise hohe Verdienst sowie die umfangreiche Teamarbeit, die insbesondere für Berufsanfänger attraktiv sein kann. Ebenso bekannt sind Nachteile, wie die vergleichsweise starke Arbeitsbelastung oder auch der hohe Konkurrenzdruck, welche einen einschneidenden Effekt auf eure Work-Life-Balance sowie eure etwaige Familienplanung nehmen können.

Meine Erfahrung mit dem „Chimären-Modell“

Lasst euch von den bestehenden Kanzleitypen nicht den Blick über den Tellerrand verstellen und euch in ein Modell zwingen, mit dem ihr nicht zufrieden seid. Auch abseits der tradierten Modelle könnt ihr euch noch selbst einbringen.

So habe ich mich zum Beispiel für eine Teilzeitanstellung in einer kleinen Allgemeinkanzlei entschieden, in der ich bereits vor der ersten Staatsprüfung zu arbeiten begonnen hatte. Gleichzeitig habe ich jedoch absprachegemäß die Freiheit erhalten, mich darüber hinaus als Einzelanwältin selbständig zu machen. Angedacht ist hierbei, dass meine Anstellung mit wachsendem eigenem Mandantenstamm immer niedriger ausfällt, bis wir eine reine Bürogemeinschaft bilden. Dies hat den Vorteil, dass meine Lebenserhaltungskosten bereits zu Anfang über die Anstellung getilgt werden und ich mich somit in der Selbständigkeit völlig frei ausprobieren kann. Zusätzlich erhalte ich im Rahmen der Anstellung auch die Starthilfe in Form von Ratschlägen und Rückfragemöglichkeiten, die man als Berufsanfänger dringend braucht. Im Vergleich zu den tradierten Modellen müssen jedoch die zwei Standbeine immer wieder in Einklang gebracht werden, was zumindest zu Anfang einiges an Organisation und Nerven erfordert.

Grade für diejenigen, die sich zu Anfang noch nicht sicher sind, welches Modell für sie am besten passt, kann ich so ein „Chimären-Modell“ jedoch nur empfehlen.

Fazit:

Welche Kanzlei (-art) für euch die Richtige ist, lässt sich gerade zu Beginn nicht leicht entscheiden. Es hängt maßgeblich von eurer Persönlichkeit, euren Interesse und eurer (zukünftigen) Lebensplanung ab. Informiert euch bestenfalls bereits vor dem Bewerbungsgespräch, welche Aufstiegs- Fortbildungs- und Spezialisierungsmöglichkeiten die jeweilige Kanzlei euch bieten kann und bezieht dies in eure Entscheidung ein. Aber gerade wenn ihr noch wenig Erfahrung mit verschiedenen Kanzleimodellen sammeln konntet, oder ihr euch (noch) nicht entscheiden könnt, kann sich auch die Kombination mehrerer Modelle nach euren Vorlieben anbieten.

Ich hoffe, dieser Erfahrungsbericht gibt euch einige Tipps, die euch die Qual der Wahl der richtigen Kanzlei erleichtern. Ich wünsche euch viel Erfolg für euren Bewerbungsmarathon! 😉

Hat dir der Beitrag gefallen?