Mandantenkritik gehört zum Berufsalltag – auch und gerade am Anfang der Karriere. Egal wie viel Mühe Sie in ein Mandat, ein Projekt oder eine bestimmte Aufgabe gesteckt haben: Es gibt immer wieder Rückmeldungen, die sich im ersten Moment nicht gut anfühlen.

Vielleicht kennen Sie das: Sie hören eine kritische Äußerung einer Mandantin und fragen sich sofort, was Sie falsch gemacht haben. Oder Sie reagieren auf die Rückmeldung eines Mandanten sofort mit Rechtfertigungen, obwohl dieser eigentlich nur eine Frage gestellt hat.

Dieses Verhalten ist keine Schwäche, sondern menschlich. Der konstruktive Umgang mit Kritik lässt sich erlernen und trainieren.

In diesem Beitrag finden Sie fünf Strategien, die Ihnen als Nachwuchsjurist:in helfen, auch in schwierigen Momenten professionell und souverän zu bleiben.

Strategie 1: Hören Sie genau hin und interpretieren Sie nicht

Häufig passiert Folgendes: Ein:e Mandant:in sagt etwas, das mehrdeutig klingt. Sie interpretieren es sofort als Angriff. Dabei hat diese Person nur eine sachliche Frage gestellt oder ihre Erwartung formuliert.

Ein Vorwurf ist nur dann ein Vorwurf, wenn er explizit als solcher formuliert wird. Alles andere ist zunächst einmal eine Aussage. Diese Unterscheidung klingt simpel, ist aber in aufgeladenen Momenten erstaunlich schwer umzusetzen.

So geht’s: Hören Sie bewusst nur das, was Ihr Gegenüber tatsächlich sagt. Bevor Sie reagieren, fragen Sie ruhig und mit dem Ziel einer Klärung nach: „Was genau meinen Sie damit?“ Das verhindert, dass Sie Energie in eine Auseinandersetzung stecken, die so gar nicht gemeint war.

Strategie 2: Hinterfragen Sie pauschale Kritik konsequent

Sätze wie „Ich bin mit Ihrer Arbeit … nicht zufrieden.“ sind schwer anzuhören, aber noch schwerer einzuordnen. Pauschalkritik ist wie ein Urteil ohne Begründung: Sie signalisiert, dass etwas nicht stimmt, nicht aber, was genau.

Als Nachwuchsjurist:in sind Sie besonders anfällig dafür, solche Äußerungen persönlich zu nehmen. Das ist verständlich: Berufserfahrung fehlt noch, und Unsicherheiten sind beim Einstieg in den (Anwalts-)Beruf normal. Konsequentes Nachfragen hilft Ihnen, genau das zu minimieren.

So geht’s: Hinterfragen Sie Pauschalkritik, indem Sie zunächst die Worte Ihres Gegenübers wiederholen und am Ende um Spezifizierung bitten: „Was erwarten Sie konkret von mir?“ Erst wenn die Kritik konkret ist, können Sie damit arbeiten. Die Erfahrung zeigt, dass das, was dann folgt, weit weniger schlimm ist als die pauschale Version.

Strategie 3: Erkennen Sie Ihre Kritikmuster

Manche Menschen hören Kritik, auch wo keine ist. Andere schlucken alles runter und reagieren erst spät, dann aber umso heftiger. Wieder andere gehen sofort in die Rechtfertigung. All das sind Verhaltensweisen, die sich im Umgang mit Kritik über die Jahre eingespielt haben.

Wer die eigenen Muster kennt, kann gezielt gegensteuern. Das gilt besonders im Referendariat und in den ersten Berufsjahren, in denen Sie viele neue Situationen erleben und Ihr Repertoire an Reaktionsmöglichkeiten noch wächst.

So geht’s: Beobachten Sie sich in kritischen Situationen. Fragen Sie sich:

  • Reagiere ich auf das, was wirklich gesagt wurde, oder auf meine Interpretation?
  • Gehe ich sofort in die Defensive, ohne bewusst zu reflektieren?
  • Verbinde ich diese Rückmeldung automatisch mit meinem Selbstwert?

Allein das Beobachten ändert schon etwas. Mit der Zeit entwickeln Sie eine höhere Toleranz für Kritik – nicht weil sie weniger wehtut, sondern weil Sie besser wissen, wie Sie damit umgehen.

Strategie 4: Nehmen Sie Ihrem Gegenüber den Wind aus den Segeln

Manche Kritik hören Sie nicht zum ersten Mal. Mitunter bekommen Sie häufiger die Rückmeldung, dass Sie in Gesprächen zu zurückhaltend sind, oder dass Ihre Mails zu lang sind. Wenn sich eine bestimmte Kritik wiederholt, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Nicht weil Sie jede Kritik automatisch für berechtigt halten müssen, sondern weil Sie prüfen sollten, ob Sie selbst unbewusst zu ihr beitragen. Das erfordert Mut zur Selbstreflexion, zahlt sich aber aus.

So geht’s: Nehmen Sie wiederholte Kritikpunkte ernst genug, um sie sowie sich selbst und Ihr Verhalten zu hinterfragen. Klären Sie für sich: Was tue oder kommuniziere ich, das diese Reaktion auslöst? Wer als Nachwuchsjurist:in proaktiv an der eigenen Wirkung arbeitet, hört mit der Zeit schlicht weniger Kritik, die ihn oder sie trifft.

Strategie 5: Suchen Sie das Körnchen Wahrheit

In fast jeder Kritik steckt ein Hinweis. Wer lernt, gezielt nach diesem Kern zu suchen, kann aus Kritik echten Mehrwert ziehen, statt Energie dafür aufzuwenden, sie abzuwehren.

Das ist besonders relevant im Berufseinstieg: Sie sind noch im Lernmodus. Rückmeldungen – auch negative – bringen Sie schneller weiter als jedes Lehrbuch, wenn Sie sie richtig einzuordnen wissen.

So geht’s: Richten Sie Ihren Fokus bei der nächsten kritischen Rückmeldung bewusst auf die Sache, nicht auf sich als Person. Fragen Sie sich: „Was kann ich daraus mitnehmen?“ Das schließt nicht aus, eine Kritik für unberechtigt zu halten. Es bedeutet nur, dass Sie sie nicht automatisch ablehnen, ohne hingeschaut zu haben.

Fazit

Kritikfähigkeit ist keine Charaktereigenschaft, die man hat oder nicht hat. Sie ist eine Fähigkeit, die man entwickelt. Wer früh lernt, ruhig zuzuhören, gezielt nachzufragen und das Körnchen Wahrheit herauszuarbeiten, ist nicht nur souveräner im Mandantengespräch. Er oder sie erreicht auch etwas, was langfristig den Unterschied macht: Vertrauen – bei der Mandantschaft, bei Kolleg:innen, bei Vorgesetzten.

Nicht kritisiert zu werden ist kein Zeichen von Qualität, sondern häufig ein Zeichen dafür, dass das Gegenüber an Ihnen bzw. Ihrer persönlichen wie beruflichen Weiterentwicklung nicht sonderlich interessiert ist.

Fangen Sie am besten klein an: Nehmen Sie sich nach dem nächsten Gespräch, in dem Sie sich kritisiert gefühlt haben, fünf Minuten Zeit. Was wurde tatsächlich gesagt? War es ein Vorwurf oder eine Aussage? Was können Sie beim nächsten Mal anders machen? Dieses kurze Innehalten ist der erste Schritt zu mehr Souveränität und damit zu einem selbstbewussten Auftritt im Arbeitsumfeld.

Über die Autorin:

Die Anwältin Dr. Anja Schäfer ist Expertin für Networking & Female Leadership in Kanzleien und Host vom „Juristinnen machen Karriere!“- Podcast. Als Karrierementorin unterstützt sie exklusiv Jurist:innen in puncto Personal Branding, Netzwerkaufbau und Sichtbarkeit als Expert:in sowie zur strategischen Ausrichtung bei beruflicher Neu- oder Umorientierung. Über diese Themen spricht sie in ihrem „Juristinnen machen Karriere!“- Podcast sowie bei den von ihr veranstalteten Networking-Formaten, die sie deutschlandweit vor Ort sowie regelmäßig auch digital anbietet. Mehr Informationen zu ihren Events: https://anja-schaefer.eu/events.