Der Einstieg in den juristischen Beruf ist anspruchsvoll: hohe fachliche Erwartungen, steile Lernkurve, lange Arbeitstage. Viele Nachwuchsjurist:innen sind hochmotiviert, wollen sich beweisen und zeigen, dass man sich auf sie verlassen kann. Genau darin liegt jedoch eine der größten Karrierefallen der ersten Berufsjahre.
Denn wer immer verfügbar ist, jede Aufgabe übernimmt und bei jeder Anfrage „Ja“ sagt, arbeitet oft viel – aber nicht unbedingt an den richtigen Dingen.
Zwei typische Muster begegnen jungen Jurist:innen wie dir dabei besonders häufig: Kolleg:innen laden ungeliebte Aufgaben bei dir ab oder Zeitdiebe reißen deinen Arbeitstag auseinander, bis für deine eigentlichen Kernaufgaben kaum noch Raum bleibt. Beide Phänomene haben eines gemeinsam: Sie bremsen dein Vorankommen, wenn du sie nicht bewusst steuerst, wie dieser Beitrag zeigt.
Wenn andere ihre Arbeit bei dir abladen
Gerade als Berufseinsteiger:in passiert es schnell, dass Kolleg:innen Aufgaben loswerden wollen, auf die sie selbst keine Lust haben – Protokolle, lästige Telefonate oder Mails, organisatorische Themen oder „nur mal eben“-Anfragen. Oft geschieht das nicht aus böser Absicht, sondern aus einem einfachen Mechanismus: Wer Aufgaben oder gar deren Verantwortung abgibt, entlastet sich selbst.
Typische Muster sind leicht zu erkennen, wenn du einmal darauf achtest. Aufgaben bleiben liegen, bis jemand einspringt. Kolleg:innen schieben bestimmte Projekte so lange wie möglich hinaus oder sind genau dann nicht erreichbar, wenn es brennt. Andere geben sich besonders hilflos – in der Erwartung, dass du schon übernehmen wirst. Nach außen wirkt das wie Teamarbeit. In der Realität landet ein wachsender Teil der Arbeit bei dir.
Das Problem: Diese Mehrarbeit ist selten sichtbar. Sie bringt dir in meisten Fällen weder Anerkennung, noch stärkt sie dein fachliches Profil. Wer dauerhaft alles auffängt, wird als zuverlässig wahrgenommen – aber nicht als jemand, der Prioritäten setzt oder Verantwortung steuert.
Zeitdiebe – die leise Karrierebremse
Neben offensichtlichen Zusatzaufgaben gibt es eine zweite, oft unterschätzte Gefahr: Zeitdiebe. Das sind ungeplante Anrufe, spontane Bitten, kurzfristig eingeschobene Termine oder Kolleg:innen, die „nur kurz etwas klären“ wollen. Jeder einzelne Eingriff wirkt harmlos. In der Summe verlängern oder intensivieren sie jedoch deinen Arbeitstag.
Gerade junge Jurist:innen ordnen fremde Anliegen häufig höher ein als die eigenen Aufgaben. Schriftsätze, Recherchen oder konzeptionelle Arbeit werden verschoben, während man für andere einspringt. Das Ergebnis: Deine Tage werden länger, der Druck steigt – und die Arbeit, an der du gemessen wirst, leidet.
Warum „Nein“ eine Schlüsselkompetenz ist
Nein zu sagen fällt vielen schwer, besonders zu Beginn der Karriere. Häufig steckt dahinter die Sorge, als unkollegial zu gelten oder berufliche Chancen zu verspielen. In der juristischen Praxis wird ein Nein jedoch selten persönlich genommen. Meist ist es nichts anderes als eine sachliche Priorisierungsentscheidung.
Entscheidend ist daher nicht ob, sondern wie du Nein sagst. Du kannst klar ablehnen, eine Alternative anbieten oder Verantwortung bewusst zurückgeben. Oft genügt es bereits, Zeit zu gewinnen: „Ich kümmere mich darum, sobald meine aktuelle Deadline erledigt ist.“ Viele Anfragen verlieren dadurch an Dringlichkeit oder erledigen sich von selbst.
Ebenso wichtig ist es, Aufgaben dort zu belassen, wo sie hingehören. Wenn dein Gegenüber fachlich oder organisatorisch in der Lage ist, eine Aufgabe selbst zu erledigen, darfst du das benennen – ruhig, sachlich und ohne Rechtfertigungsdruck. Ein professionelles Nein schützt deine Zeit und sorgt für klare Zuständigkeiten.
Zwischen Anpassung und Profil: Warum Nachwuchsjurist:innen Nein sagen müssen
Gerade für Nachwuchsjurist:innen kommt eine zusätzliche Ebene hinzu. Viele sagen im Berufsalltag häufiger Ja, obwohl sie innerlich Nein meinen. Nicht aus fachlicher Unsicherheit, sondern aus dem Wunsch heraus, die Beziehungsebene stabil zu halten, nicht unkollegial zu wirken oder Erwartungen zu erfüllen. Die Folge: Sie übernehmen überdurchschnittlich oft unsichtbare, zeitintensive Aufgaben, die weder Prestige bringen noch den nächsten Karriereschritt fördern.
Ein Nein wird dabei häufig fälschlich als Beziehungsabbruch interpretiert. In der Realität ist das Gegenteil der Fall: Ein klar kommuniziertes, respektvolles Nein schafft Orientierung und Vertrauen. Entscheidend ist, zwischen Sachebene und Beziehungsebene zu unterscheiden. Du sagst Nein zu einer Aufgabe – nicht zu der Person. Wer diese Trennung klar vornimmt, kann bestimmt ablehnen und gleichzeitig professionell verbunden bleiben.
Besonders wirksam ist ein Nein, wenn es ruhig, klar und ohne ausführliche Rechtfertigung ausgesprochen wird. Lange Erklärungen oder Unsicherheit laden dagegen dazu ein, nachzuverhandeln. Auch transparente Absprachen können helfen: Unterstützung gegen eine konkrete Gegenleistung oder eine klare Priorisierung. Wird der Vorschlag abgelehnt, liegt die Entscheidung nicht mehr bei dir.
Für deine berufliche Entwicklung bedeutet das: Je klarer du dich positionierst, desto eher wirst du für anspruchsvolle, sichtbare Aufgaben angefragt. Ein bewusst gesetztes Nein ist kein Risiko, sondern ein professionelles Führungsinstrument – und ein wichtiger Schritt, um die eigene Rolle aktiv zu gestalten.
Dein Fazit als Nachwuchsjurist:in
Karriere entsteht nicht dadurch, alles zu machen – sondern das Richtige. Wer früh lernt, Grenzen zu setzen, schützt nicht nur seine Zeit, sondern signalisiert Professionalität, Prioritätenbewusstsein und langfristig auch Führungskompetenz.
Mache dir immer wieder bewusst: Deine Zeit ist begrenzt. Wenn du sie überwiegend für fremde Aufgaben einsetzt, bleibt zu wenig Raum für das, was dich fachlich und beruflich wirklich weiterbringt. Ein bewusst gesetztes Nein ist deshalb kein Karrierekiller – sondern oft der erste Schritt zu beruflicher Souveränität.
Über die Autorin:
Anwältin Dr. Anja Schäfer ist Expertin für Networking & Female Leadership in Kanzleien und Host vom „Juristinnen machen Karriere!“- Podcast. Als Karrierementorin unterstützt sie exklusiv Jurist:innen in puncto Personal Branding, Netzwerkaufbau und Sichtbarkeit als Expert:in sowie zur strategischen Ausrichtung bei beruflicher Neu- oder Umorientierung. Über diese Themen spricht sie in ihrem „Juristinnen machen Karriere!“- Podcast sowie bei den von ihr veranstalteten Networking-Formaten, die sie deutschlandweit vor Ort sowie regelmäßig auch digital anbietet. Mehr Informationen zu ihren Events: https://anja-schaefer.eu/events.
Rechtsanwältin Dr. Anja Schäfer hat für JurCase Jobs bereits eine Vielzahl interessanter und informativer Beiträge zu den Themen Networking und Personal Branding verfasst. Diese und eine Übersicht ihrer Events findest du auf dem Kooperationsprofil von Dr. Anja Schäfer.
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