Für viele Nachwuchsjurist:innen steht zu Beginn der Karriere vor allem eines im Fokus: Examen, Fachwissen und Leistung. Networking gilt dagegen oft als „nice to have“ oder wird mit Klischees wie Vitamin B verbunden. Die berufliche Realität zeigt jedoch etwas anderes: Netzwerken ist eine zentrale Führungskompetenz – und entscheidet maßgeblich darüber, wer sichtbar wird, gefördert wird und den nächsten Karriereschritt erreicht.
Gerade im juristischen Umfeld wirkt Networking häufig leise – über Empfehlungen, Gespräche und Wahrnehmung im richtigen Moment. Wer früh versteht, wie Netzwerke funktionieren und welcher Networking-Typ er oder sie ist, verschafft sich einen echten Vorsprung. In diesem Beitrag erfährst du, wie du deinen Typ erkennst, typische Karriere-Fehler vermeidest und gezielt Einfluss aufbaust.
Bevor du netzwerkst: Warum dein eigener Networking-Typ entscheidend ist
Ein hilfreicher Zugang ist die Einordnung in unterschiedliche Networking-Typen, angelehnt an das gängige DISG-Persönlichkeitsmodell (vgl. dazu die nachfolgende Grafik). Ziel ist dabei kein Schubladendenken, sondern Selbstreflexion: Was fällt mir beim Networking leicht – und wo lasse ich mögliche Chancen ungenutzt?
Der strategische Typ (D) netzwerkt zielorientiert und effizient. Er weiß, wen er ansprechen möchte, kommuniziert klar und nutzt Gelegenheiten bewusst. Dieser Stil kann besonders hilfreich sein, wenn es darum geht, sich früh im internen Umfeld zu positionieren, Entscheider:innen kennenzulernen oder gezielt Mentor:innen zu identifizieren. Die Herausforderung liegt darin, Beziehungen nicht ausschließlich funktional zu betrachten.
Der kommunikative Typ (I) lebt vom Austausch. Small Talk fällt leicht, Kontakte entstehen schnell, Gespräche sind offen und lebendig. Dieser Networking-Stil entfaltet vor allem bei Veranstaltungen, Kanzlei-Events oder Konferenzen seine Stärke. Gleichzeitig besteht die Gefahr, viele Kontakte zu knüpfen, ohne sie langfristig zu vertiefen oder strategisch zu nutzen.
Der kooperative Typ (S) überzeugt durch Empathie, Verlässlichkeit und echtes Interesse am Gegenüber. Beziehungen entstehen organisch und sind häufig besonders belastbar. Kolleg:innen schätzen diesen Typ als vertrauensvolle Ansprechperson. Für den Karrierestart ist es jedoch wichtig, nicht nur unterstützend im Hintergrund zu bleiben, sondern auch die eigene Kompetenz sichtbar zu machen und aktiv Gelegenheiten zu nutzen.
Der analytische Typ (G) punktet mit Fachwissen, Struktur und inhaltlicher Tiefe. Gespräche werden schnell sachlich, Expertise spricht für sich. Gerade im juristischen Umfeld ist dieser Stil weit verbreitet. Gleichzeitig besteht die Gefahr, informelle Netzwerkgelegenheiten zu meiden oder Networking allein auf fachlichen Austausch zu reduzieren. Wer sich hier wiedererkennt, profitiert davon, Netzwerken bewusst auch als Beziehungs- und Wirkungsarbeit zu verstehen.
Warum dein eigener Networking-Typ entscheidend ist? Weil er bestimmt, wie du sichtbar wirst, Beziehungen aufbaust und Einfluss entwickelst. Wer den eigenen Stil kennt, kann Stärken gezielt nutzen, typische Stolpersteine vermeiden und Networking so gestalten, dass es zur eigenen Persönlichkeit passt – statt sich an fremden Erwartungen auszurichten.
Einfluss entsteht nicht durch Leistung allein: Wie die unterschiedlichen Networking-Typen Sichtbarkeit schaffen
Ein zentraler Irrtum vieler Jurist:innen besteht darin, Einfluss mit fachlicher Exzellenz gleichzusetzen. Leistung ist wichtig – sie ist jedoch selten der entscheidende Hebel, wenn es um digitale oder analoge Sichtbarkeit oder die eigene Karriereentwicklung geht. Einfluss entsteht dort, wo Leistung wahrgenommen, weitergetragen und mit Ihnen als Persönlichkeit verbunden wird – und genau hier zeigen sich die unterschiedlichen Wege der vier Networking-Typen.
Der strategische Typ (D) gewinnt Einfluss durch gezielte Positionierung und klare Präsenz in relevanten Entscheidungskontexten. Der kommunikative Typ (I) erweitert seinen Einfluss über Sichtbarkeit, Austausch und Resonanz im internen bzw. externen Netzwerk. Der beziehungsorientierte Typ (S) baut tragfähige, vertrauensbasierte Verbindungen auf, die langfristig Türen öffnen. Und der analytische Typ (G) wirkt über fachliche Autorität, Reputation und Empfehlungen, die aus inhaltlicher Tiefe entstehen. Jeder dieser Wege kann zu Einfluss führen – entscheidend ist, ihn bewusst zu nutzen.
Wer ausschließlich auf Perfektion setzt, riskiert daher, fachlich anerkannt, aber strategisch übersehen zu werden. Erfolgreiche Karrieren entstehen aus dem Zusammenspiel von Leistung, klarer Selbstpositionierung und einem tragfähigen Netzwerk. Networking erweitert damit nicht nur Kontakte, sondern vor allem Einflussmöglichkeiten – durch Multiplikator:innen, Fürsprecher:innen und einen Ruf, der über die eigene Präsenz hinauswirkt. Wer diese Dynamik versteht, gestaltet die eigene Entwicklung aktiver, statt auf Anerkennung zu warten.
Warum Wahrnehmung zählt: Wie die Networking-Typen ihre Karriere prägen
Karrieren entstehen nicht allein durch Leistung, sondern durch Wahrnehmung – und genau hier entfalten die vier Networking-Typen ihre unterschiedliche Stärke. Während der strategische Typ (D) früh lernt, sich sichtbar in relevanten Kontexten zu positionieren, gewinnt der kommunikative Typ (I) durch Austausch und Präsenz schnell Zugang zu neuen Kontakten. Der beziehungsorientierte Typ (S) baut tragfähige, vertrauensvolle Verbindungen auf, die langfristig unterstützen, und der analytische Typ (G) überzeugt durch fachliche Tiefe, die Reputation und Empfehlungen entstehen lässt. Jeder dieser Wege kann bereits am Beginn der Laufbahn wirksam sein, wenn er bewusst genutzt wird.
Gerade Berufseinsteiger:innen unterschätzen häufig ihren eigenen Netzwerk-Wert. Dabei reichen schon erste Praxiserfahrungen, Stationen oder fachliche Interessen, um als Gesprächspartner:in relevant zu sein – sei es durch klare Positionierung, offene Kommunikation, verlässliche Beziehungspflege oder inhaltliche Expertise. Wer früh beginnt, den eigenen Networking-Typ zu erkennen und Beziehungen gezielt aufzubauen, schafft eine Grundlage, die weit über den Einstieg hinausträgt – besonders in einem juristischen Arbeitsmarkt, der von Mobilität, neuen Karrierewegen und sich wandelnden Führungsmodellen geprägt ist.
Networking ist kein angeborenes Talent, sondern eine erlernbare Führungskompetenz – die sich je nach Networking-Typ unterschiedlich entfaltet. Ob strategische Positionierung (D), kommunikative Präsenz (I), vertrauensvolle Beziehungspflege (S) oder fachliche Autorität (G): Wer den eigenen Stil kennt, kann gezielt an Stärken anknüpfen und blinde Flecken ausgleichen.
Für dich als Nachwuchsjurist:in bedeutet das vor allem eines: nicht ausschließlich auf Leistung zu setzen, sondern bewusst in Sichtbarkeit, Beziehungen und Einfluss zu investieren. Karrieremöglichkeiten entstehen nicht erst mit Titeln oder Examina, sondern bereits dort, wo du deinen Networking-Typ bewusst einsetzt, um Wirkung und Gestaltungsspielraum aufzubauen.
Über die Autorin:
Anwältin Dr. Anja Schäfer ist Expertin für Networking & Female Leadership in Kanzleien und Host vom „Juristinnen machen Karriere!“- Podcast. Als Karrierementorin unterstützt sie exklusiv Jurist:innen in puncto Personal Branding, Netzwerkaufbau und Sichtbarkeit als Expert:in sowie zur strategischen Ausrichtung bei beruflicher Neu- oder Umorientierung. Über diese Themen spricht sie in ihrem „Juristinnen machen Karriere!“- Podcast sowie bei den von ihr veranstalteten Networking-Formaten, die sie deutschlandweit vor Ort sowie regelmäßig auch digital anbietet. Mehr Informationen zu ihren Events: https://anja-schaefer.eu/events.
Rechtsanwältin Dr. Anja Schäfer hat für JurCase Jobs bereits eine Vielzahl interessanter und informativer Beiträge zu den Themen Networking und Personal Branding verfasst. Diese und eine Übersicht ihrer Events findest du hier.