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Die Arbeit als selbständiger Rechtsanwalt

Erfahrungsbericht von Sinan

Die überwiegende Anzahl an Referendaren will nach dem Vorbereitungsdienst in die Anwaltschaft. Nicht ohne Grund, denn noch immer ist der Berufsstand der Rechtsanwälte in der Gesellschaft hoch angesehen. Aber es ranken sich ebenfalls viele Mythen und Vorurteile um den Beruf des Rechtsanwalts. Etwa, dass man als Rechtsanwalt garantiert reich wird. Porsche fährt und quasi automatisch Mitglied im Golfclub wird.

Ich bin seit fast einem halben Jahr als Rechtsanwalt selbständig und arbeite mit sehr erfahrenen Kollegen in einer Bürogemeinschaft. In diesem Beitrag möchte ich euch – liebe zukünftige Kollegen und Kolleginnen – einen realistischen Auszug aus dem Alltag eines Rechtsanwalts geben.

„Selbst“ & „ständig“

Zunächst ist zu betonen, dass sich die Arbeit der Rechtsanwälte nach Branche, Kanzleigröße und Arbeitsverhältnis deutlich unterscheidet. Da ich sofort ins kalte Wasser gesprungen bin und mich selbständig gemacht habe ohne jegliche Erfahrung als Angestellter, kann ich nur wiedergeben, wie ich den Arbeitsalltag für mich selbst erlebe.

Wie das Wort schon beinhaltet, trifft es tatsächlich zu, dass ich als Selbständiger „selbst“ und „ständig“ arbeite. Ich habe keine klassische 40 oder 50 Sunden-Woche, da mein Arbeitspensum je nach Auftragslage variiert. Bisher hat sich mein Alltag aber so eingependelt, dass immer genug zu tun ist und ich regelmäßig von ca. 9 Uhr bis 18.30 Uhr im Büro bin. Dennoch können diese Zeiten durchaus schwanken. Zu Beginn daher gleich ein großer Vorteil der Selbständigkeit: Völlige Freiheit und Flexibilität, was meine Arbeitszeiten und meinen Arbeitsort angeht. Solange keine Mandanten- oder Gerichtstermine anstehen, kann ich also auch mal einen Tag im Home Office arbeiten. Das einzige was ich dafür brauche ist mein Notebook, da ich mit einer Anwaltssoftware arbeite.

In der Regel arbeite ich jedoch im Büro. Morgens gehe ich die eingegangene Post durch, die meine Mitarbeiterinnen mir vorlegen. Anschließend beantworte ich E-Mails, diktiere Schriftsätze und nehme mir dafür bewusst viel Zeit, da man natürlich noch keine Routine entwickelt hat, wie andere Kollegen. Sehr abwechslungsreich ist es, wenn man zwischendurch Mandantengespräche oder Gerichtstermine hat. Kein Tag ist wie der andere, was mich persönlich antreibt. Ich gehe morgens mit einem neugierigen Gefühl ins Büro, was ein positives Zeichen sein dürfte.

Man darf jedoch nicht der Utopie verfallen, dass „alles Spaß macht“. Es wird auch viele Situationen geben, wo man sich durchbeißen muss und die mühsam sind. Ob es eine besonders hartnäckige Akte ist oder etwa allgemeiner Verwaltungskram. Meine Buchhaltung mache ich nämlich ebenfalls bewusst selbst und auch die Rechnungen schreibe ich selbst. Das ist eine unternehmerische Entscheidung gewesen, auch wenn ich weiß, dass man auch diese Arbeiten ausgliedern kann.

Anders als viele Angestellte kann ich jedoch nach Feierabend auch nicht immer ganz die Arbeit im Büro lassen. Ich arbeite überwiegend im Verkehrs- und Strafrecht. Gerade die strafrechtlichen Fälle lassen mich selten los, da ich hier doch bewusst ein ganz anderes Verantwortungsgefühl verspüre. Daher kommt es nicht selten vor, dass ich auch mal spät abends in einer Verfahrensakte herumscrolle (wie ihr seht, es geht auch digital), weil mir noch irgendwas eingefallen ist. Es ist ein doch schräges Gefühl, wenn man morgens unter der Dusche steht und dann noch kurz darüber nachdenkt, ob man auch alle Fristen in einer Sache eingehalten hat. Von Situationen wie dieser stammt vermutlich die (wahre!) Aussage, dass man als Selbstständiger eben „ständig“ arbeitet.

Über Geld spricht man nicht

Eine ungeschriebene Regel unter Juristen lautet häufig: „Über zwei Dinge spricht der Jurist ungern: Über seine Examensnote und über Geld.“ Da ist schon etwas Wahres dran. Mit diesem Beitrag möchte ich jedoch einen ehrlichen und realistischen Einblick geben, der mir immer als Student bzw. Referendar gefehlt hat. Außer den Gehältern von Großkanzleien wird man selten etwas über die übrigen Verdienstmöglichkeiten als Anwalt herausfinden. Gerade für Selbständige. Aber sind wir mal ehrlich: Wie viele landen in einer internationalen Großkanzlei (auch wenn viele es sich wohl immer noch wünschen)?

Auch hier ist natürlich zwischen Angestellten und Selbständigen zu unterscheiden und bei letzteren auch nach Erfahrung zu differenzieren.

Ich selbst habe das Ergebnis meines Zweiten Examens erfreulicher Weise deutlich verbessern können, was ich in erster Linie aber nur als Absicherung verstanden habe. Die Selbständigkeit in Bürogemeinschaft habe ich trotzdem gewagt. Zu Beginn lagen die Umsätze so, dass man davon leben kann. Das ging in erster Linie, da ich zusätzlich einen Gründungszuschuss erhalten habe. Große Sprünge kann man aber in dieser Phase allerdings nicht machen.

Mit den Monaten sah man jedoch eine konstante Steigerung, sodass man den Reingewinn durchaus mit dem Gehalt in einer kleineren, mittelständischen Kanzlei vergleichen kann. Dies dauert aber seine Zeit.

Ein Reiz der Selbständigkeit dürfte jedoch für viele sein, dass neben der Freiheit und Flexibilität auch keine Wartezeit für Gehaltserhöhungen eingeplant werden muss. Steigen die Umsätze, so steigen auch die Einnahmen, die man entnimmt. Ich kenne viele Kollegen, die bei „normaler“ Arbeitszeit Umsätze generieren, die ansonsten nur ein Associate in einer Großkanzlei generieren würde. Hierfür braucht es jedoch Zeit: erfahrene Kollegen geben dazu einen Zeitraum von etwa 3-5 Jahren an.

Dafür gibt es jedoch kein Limit nach oben. Gerade wenn man seine Nische gefunden hat, kann man auch mal mehr verdienen, als ein Associate in einer Großkanzlei (ja das ist möglich!). Trotzdem muss man zu Beginn bereit sein in den sauren Apfel zu beißen und muss sich ebenso vor Augen führen, dass man nie die Sicherheit haben wird, wie in einem festen Arbeitsverhältnis und es aller Voraussicht nach auch Durststrecken geben wird.

Fazit

Bevor man sich endgültig für den Weg in die Rechtsanwaltschaft entscheidet (und gerade für die, die sich sofort selbstständig machen wollen), sollte man sich einen realistischen Einblick verschaffen. Man sollte sich nicht in die Irre führen lassen von Mythen und Vorurteilen. Nicht alle Anwälte können sich einen Porsche leisten (und ob sie das überhaupt wollen, sei ebenfalls mal dahingestellt). Aber der Erfolg liegt ganz bei einem selbst. Hop oder Top!

Wer nicht nur des Geldes wegen arbeiten will, der kann zumindest von der Freiheit profitieren alles flexibel zu gestalten, ohne jemandem Rechenschaft ablegen zu müssen. Umgekehrt kann sich die Selbständigkeit langfristig jedoch auch finanziell lohnen.