Interview_Valentin_Fischer

Referendar Valentin Fischer über seine juristische Ausbildung und Karriereplanung

Einblicke in die Verwaltungsstation im Bundesministerium für Finanzen, Tipps zur Karriereplanung u.v.m.

Im November 2021 war Referendar und Doktorand Valentin Fischer im Gespräch mit unserem Redaktionsleiter Sebastian M. Klingenberg und sprach über die juristische Ausbildung und das Thema Karriereplanung. Wie zufrieden ist er mit seiner juristischen Ausbildung und welche Erfahrungen konnte er in seinen Stationen, u.a. im Bundesministerium für Finanzen, sammeln? Welche Karriereschritte erachtet er als besonders wichtig?

Zur Person

Valentin Fischer hat an der Humboldt Universität zu Berlin fünf Semester lang Rechtswissenschaft studiert und im siebten Semester das Erste Examen abgeschlossen. Seit August 2020 ist er Referendar am LG Neuruppin. Die Verwaltungsstation hat Valentin Fischer im Bundesministerium der Finanzen absolviert, derzeit ist er in der Anwaltsstation bei EY Law Hamburg, in den Bereichen Private Equity und Legal Tech, tätig. Seit April 2019 ist er zudem Doktorand bei Herrn Professor Christoph G. Paulus.

Das Interview

Klingenberg: Herr Fischer, vielen Dank zunächst, dass Sie sich zu diesem Interview bereit erklärt haben. Es soll um Ihre juristische Ausbildung sowie um die Karriereplanung im Allgemeinen gehen. Letzteres war auch Ihr Thema im Wirtschaftsführer 2021. Dort beschreiben Sie, dass bestimmte Karriereschritte bereits im Studium sinnvoll sind. Würden Sie unseren Leserinnen und Lesern einen kurzen Einblick geben, welche Schritte Sie konkret meinen und wieso es Ihrer Meinung nach sinnvoll ist, diese bereits frühzeitig zu gehen?

Valentin Fischer: Der erste Schritt sind Praktika. Meines Erachtens sollte jeder damit frühzeitig beginnen, um so in einem Prozess denjenigen Bereich für sich zu finden, bei dem sich die Faktoren Neigung, Talent und Bedarf am besten verbinden lassen. Dafür ist die vorlesungsfreie Zeit ideal, was jedoch voraussetzt, dass Hausarbeiten schnell bzw. nebenbei geschrieben werden.

Das Zweite ist, Angebote außerhalb des examensrelevanten Bereichs wahrzunehmen, sich mit Nebengebieten zu beschäftigen, aber auch mit Thematiken wie Verhandeln, Psychologie usw. Beim Jurastudium lernt man eher das ‚Was‘ und weniger das ‚Wie‘. Letzteres ist jedoch oft wichtiger.

Der dritte Schritt besteht darin, Angebote außerhalb des Studiums wahrzunehmen. Heute wird das Jurastudium von den meisten als eine Art weiterführende Schule begriffen, um eben Jurist zu werden. Der Aspekt der absichtslosen Bildung um seiner selbst willen, kommt dabei zu kurz. Trotzdem führt diese Beschäftigung zu Erkenntnisgewinnen in der eigenen juristischen Kernkompetenz – ein amerikanischer Rechtsanwalt nennt dies den Lollapalooza-Effekt.

Der vierte Schritt besteht in der privaten Beschäftigung mit völlig Anderem sowie zivilem Engagement. Dieser Schritt fußt auf der Erkenntnis, dass ein Jurist nichts Juristisches machen muss und dass in Anlehnung an das Zitat von F. A. Hayek, ein schlechter Jurist ein solcher ist, der nur Jurist ist. Ganz nebenbei kann man dadurch auch aus seiner eigenen ‚Bubble‘ ausbrechen und wird in aller Regel ein interessanter Gesprächspartner. Diese vier Schritte darf man gerne in einem Plan zusammenfassen, den man beständig bearbeitet, ergänzt, revidiert etc. – Hintergrund dessen ist: „Wer schreibt, der bleibt“.

Klingenberg: Ein Blick auf Ihre Praktika während des Jurastudiums zeigt, dass Sie Ihren eigenen Ratschlag selbst bereits frühzeitig beherzigt haben. Dies zeigt sich nunmehr außerdem in der Wahl Ihrer Einzelausbilder während des juristischen Vorbereitungsdienstes. So waren Sie während Ihrer Verwaltungsstation beim Bundesministerium für Finanzen im Referat VII C 2 (Schuldenwesen des Bundes; Staatsanleihenmärkte) tätig. Wie waren Ihre Erfahrungen dort?

Valentin Fischer: Meine Tätigkeit bestand im Wesentlichen darin, Gutachten zu verfassen und Einschätzungen abzugeben. Der Alltag war von vielen Telefonkonferenzen, aber auch von stiller Arbeit vor MS-Word geprägt. Inhaltlich beschäftigte ich mich mit Datenschutzfragen der Finanzagentur, Anwendungsfragen des Public Corporate Governance Kodex‘ des Bundes durch die Finanzagentur, Fragen der Anforderungen an den Umgang mit als Verschlusssachen eingestuften Dokumenten bei privatrechtlich organisierten Unternehmen und Austausch dieser Dokumente zwischen Verwaltung und Unternehmen sowie mit Formen der Aufsicht über die Finanzagentur in deren verschiedenen Aufgabenbereichen. Darüber hinaus durfte ich den parlamentarischen Teil eines Gesetzgebungsverfahrens begleiten und habe mich mit Fragestellungen bzgl. der Stiftung „Fond zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung“ (KENFO) befasst. Wie man sieht, hatte die Tätigkeit keinerlei Examensrelevanz. Die Arbeitsauslastung war angemessen. Ich war jeden Tag im Büro. Das BMF hat Referendarbüros. Da meine Kollegen im Home-Office waren, hatte ich es für mich alleine.

Klingenberg: Sind Sie zufrieden mit der Ausbildung, die Sie beim Bundesministerium genießen durften? Oder anders gefragt: Würden Sie das Bundesministerium für Finanzen anderen Referendaren empfehlen?

Valentin Fischer: Die Qualität der Ausbildung im BMF hängt meines Erachtens sehr stark von den Aufgaben des Referats und dem Einzelausbilder ab. Ich persönlich war sehr zufrieden: sowohl mit meiner Einzelausbilderin, die sich viel Zeit für mich nahm und mir insbesondere Hintergründe und Dynamiken innerhalb des Ministeriums erklärte, die man nirgends aufgeschrieben findet, weil deren Erkenntnis das Ergebnis langjähriger Tätigkeit ist als auch mit meinen Aufgaben. Ich kam glücklicherweise in mein Wunschreferat mit der Folge, dass ich aus der Brille des Ministeriums viele Einblicke in meinen Interessenbereich gewinnen konnte.

Klingenberg: Das Bundesministerium für Finanzen ist sicherlich spätestens jetzt für einige Referendare eine Traumstation. Worauf sollte man bei der Bewerbung und dem Vorstellungsgespräch Ihrer Meinung nach achten, um sich gegenüber den Mitbewerbern durchzusetzen?

Valentin Fischer: Ich kann nur aus meiner eigenen Erfahrung berichten: Das BMF hat wohl nur recht wenige Referendarplätze jedes Jahr zu vergeben. Das bedeutet, man sollte sich unbedingt so früh wie möglich bewerben. Ich hatte kein Bewerbungsgespräch, sondern wurde aufgrund meiner schriftlichen Bewerbung ausgewählt. Vom Gefühl her sollte man durchaus einen Bezug zur Materie der präferierten Referate mitbringen, z.B. durch vorherige Seminararbeiten oder einschlägige Praktikumserfahrungen. Alles Weitere wäre Spekulation. Zuletzt empfehle ich, sämtliche Infos auf der BMF-Seite in Ruhe und früh genug durchzulesen.

Klingenberg: Aktuell befinden Sie sich in der Anwaltsstation, die Sie bei EY absolvieren. Sind Sie soweit zufrieden mit Ihrer Ausbildung dort?

Valentin Fischer: Ich bin zufrieden mit meiner Ausbildung! Hintergrund war, dass ich nach einigen Erfahrungen in Großkanzleien und Industrie, eine Big 4 Gesellschaft kennen lernen wollte. Meine Aufgaben sind zweigeteilt: einerseits helfe ich dem Transaction Law Team von Dr. Jan Feigen, das sich insbesondere mit Privat Equity Transaktionen beschäftigt, andererseits helfe ich im Corporate Team um Jan Schulz sowie im Legal Tech Bereich um Dr. Daniel Mattig. Einen typischen Arbeitsalltag gibt es nicht. Was die tägliche Arbeit auszeichnet ist das junge und ambitionierte Team. Das Transaction Law Team von EY berät im Wesentlichen M&A Projekte mit jungen Partnern, durchaus mit Start-Up-Feeling. EY Law bietet sogar einen kostenfreien, berufsbegleitenden MBA an. Die Arbeitsauslastung ist gut, etwas geringer als in Großkanzleien.

Klingenberg: In der Anwaltsstation beginnt für viele Referendare die intensive Examensvorbereitung. Einige Referendare nutzen diese Station deshalb – zumindest teilweise – zum sog. Tauchen, um sich intensiver auf die Examensvorbereitung konzentrieren zu können. Damit kürzen sich die Referendare allerdings deren praktische Erfahrungen rund um die anwaltliche Tätigkeit. Nun hat ein Referendar vielleicht aufgrund einer intensiveren Examensvorbereitung eine bessere Examensnote, vielleicht sogar ein Prädikatsexamen, dafür aber weniger Praxis. Ist dies nicht eine erhebliche Schwäche des juristischen Vorbereitungsdienstes? Einige Stimmen sprechen sogar von Wettbewerbsverzerrung. Wie beurteilen Sie das?

Valentin Fischer: Persönlich halte ich es für sinnvoll, ein echtes Level playing field einzurichten, was bedeuten würde, dass alle gleich viel „tauchen“ dürfen. Das würde jedoch voraussetzen, dass sich die OLG eingestehen, dass „Tauchen“ Fakt ist. Ich schlage vor: 4 Monate lang Vollzeit und dann vier Monate freie Zeit zum Lernen. Das Problem ist hierbei jedoch, dass die OLG dies nicht überwachen können. Dafür fehlt es an Mechanismen und Personal. Daher wird es immer solche geben, die die volle Anwaltsstation tauchen werden. Insofern wird derzeit Ehrlichkeit bestraft! Dazu sollte man jedoch erwähnen, dass diese Fakten alle im Markt eingepreist sind. Konkret bedeutet dies, dass nach meiner Vorstellung die Alarmglocken jedes Arbeitgebers zumindest gelb aufleuchten, wenn jemand seine Anwaltsstation beim „Verteidiger um die Ecke“ gemacht hat.

Klingenberg: In Ihrem Beitrag „Mindset, Karriereplanung und Disziplin“ weisen Sie ausdrücklich darauf hin, wie wichtig Planungen sind. Ihre bisherigen Karriereschritte zeigen auch, dass Sie sehr zielstrebig sind. Ich nehme deshalb an, dass das Prädikatsexamen für Sie ebenso ein Karriereziel ist. Wie planen Sie dieses Ziel zu erreichen?

Valentin Fischer: Mein Lernplan besteht zunächst in einer Übersicht daraus, welche Module ich alle lernen und können möchte. Diese Module sind dann auf die einzelnen Tage aufgeteilt. Die Strategie besteht darin, möglichst viele Klausuren zu schreiben und Fälle zu lösen. Letzteres dauert nicht so lange, hat jedoch einen ähnlichen Lerneffekt. Ich lerne mit Unterlagen vom Repetitorium JI, meinen Mitschriften aus den AGen, mithilfe einer kleinen Privat-AG und mithilfe von Übersichten von Problemen aus dem Ersten Examen sowie sog. Fehlerlisten. Darin trage ich positiv formuliert alle Fehler ein, die ich bei Übungsklausuren begangen habe. Die Work-Work-Life-Balance halte für sehr wichtig, jedoch falsch formuliert; schließlich ist alles „Life“, und eben auch „Work“. Vielmehr geht es um den klassischen Ausgleich der vier Komponenten Körper, Herz, Seele und Geist. Einen Tag die Woche sollte man für andere Dinge verwenden, vgl. Frage 1.

Klingenberg: Wie sieht Ihr Plan für die Wahlstation aus? EY bietet durchaus die Möglichkeit, eine Auslandsstation zu absolvieren. Kommt das für Sie in Betracht?

Valentin Fischer: Mein Plan fürs Referendariat ist es, möglichst viel auszuprobieren. Daher steht für mich fest die Wahlstation nicht bei einer Kanzlei zu absolvieren. Meines Erachtens gibt es für die Wahlstation zwei Möglichkeiten: einmal möglichst weit reisen und ein fremdes Land kennenlernen, andererseits einen favorisierten Beruf in Deutschland bzw. Brüssel oder Luxemburg kennenzulernen. Wofür man sich entscheidet, ist sehr individuell. Ich möchte bspw. in der Wahlstation einen nicht-juristischen Bereich kennenlernen.

Klingenberg: Und was sieht Ihr Karriereplan aktuell für Ihren Karrierebeginn vor?

Valentin Fischer: Der Grund, warum ich hierauf nicht näher eingehe, ist ein sog. bias, eine kognitive Verzerrung. Robert Cialdini nennt sie „escalation of commitment“. Wenn ich also hier auf meine vorläufige Planung eingehen würde, würden mich in der Zukunft viele darauf festnageln und ich müsste mich rechtfertigen, warum ich mich ggf. anders entschieden habe. Deswegen empfehle ich, nur wenige Leute in die eigene Planung miteinzubeziehen und lieber von Erfolgen oder Handlungen zu berichten, als über Geplantes zu sprechen. Andererseits kann es gerade sinnvoll sein, etwas in die Öffentlichkeit zu tragen, um sich selbst zu motivieren, das Ziel zu erreichen.

Klingenberg: Sie haben unseren Leserinnen und Lesern schon einige nützliche Tipps geben können. Nun aber einmal ganz allgemein betrachtet, wie stellt man einen eigenen Karriereplan auf und wie setzt man ihn letztlich um?

Valentin Fischer: Es beginnt mit dem Geständnis gegenüber sich selbst, dass man so etwas im Studium nicht lernt. Bei der Umsetzung bietet sich das „backwards engineering“ an. Das bedeutet, man überlegt sich, was man mit 50 alles erreicht haben möchte und baut die Schritte rückwärts. Man merkt, wie viele Entscheidungen dies beeinflusst: Familie, Karriere, Engagement, Wohnortpräferenzen usw. Es gibt leider kein Patentrezept bei der eigenen Planung, jedenfalls kenne ich es nicht. Meiner Meinung nach geht es darum, Planung als einen Prozess zu begreifen mit der Folge, sich z.B. jeden zweiten Sonntag den Wecker auf zwei Stunden zu stellen und sich mit der schriftlichen Planung zu beschäftigen. Zusätzlich empfiehlt es sich, einschlägige Literatur auszuwählen und daraus gewonnene Erkenntnisse inhaltlich und methodisch in den Plan einzuarbeiten. Bei der Zielbeschreibung hilft die sog. SMART-Methode. Wichtigste Faktoren sind Disziplin und Kreativität, die sich gerade nicht ausschließen. Erfolgskontrolle und Reflexion runden den Prozess des Planens ab. Trotz Planung sollte man sehr wachsam sein für sich bietende Chancen. Man sollte bereit und flexibel sein, seinen eigenen Plan völlig über den Haufen zu werfen. Es gilt: je detaillierter ein Plan, desto unwahrscheinlicher seine vollständige Realisierung. Dieser Umstand ist jedoch kein Argument gegen einen Plan als solchen, sondern nur ein Argument für die eigene Flexibilität und Bereitschaft, ihn schnell und laufend anzupassen.

Klingenberg: Möchten Sie unseren Leserinnen und Lesern das Interview abschließend noch etwas auf deren Weg mitgeben?

Valentin Fischer: Trotz ständiger und notwendiger (Fein)Planung darf man die Frage, worauf es ganzheitlich im Leben – auch und vor allem abseits des Berufs – ankommt, nicht vergessen. Man sollte bereit sein, seine Meinung zu ändern und nicht das Bedürfnis haben, um jeden Preis Recht zu behalten. Ein amerikanischer Rechtsanwalt und Investor meinte einmal, dass jedes Jahr, in dem er seine Meinung in Bezug auf ein grundlegendes Thema nicht geändert hat, ein verlorenes Jahr sei. Ich denke, dass es sehr wichtig ist, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen. Dabei geht es letztlich um den Kampf gegen die eigene Eitelkeit.

Vielen Dank für das Interview!

Valentin Fischer
Valentin Fischer

Valentin Fischer

Rechtsreferendar

Hat dir der Beitrag gefallen?

Kostenlos registrieren

Registriere dich jetzt kostenlos und speichere Jobs in deiner Merkliste. Lasse dich dazu per E-Mail über neue Angebote benachrichtigen und bewirb dich mit deinem Profil.

Einblicke in die Verwaltungsstation im Bundesministerium für Finanzen, Tipps zur Karriereplanung u.v.m.

Im November 2021 war Referendar und Doktorand Valentin Fischer im Gespräch mit unserem Redaktionsleiter Sebastian M. Klingenberg und sprach über die juristische Ausbildung und das Thema Karriereplanung. Wie zufrieden ist er mit seiner juristischen Ausbildung und welche Erfahrungen konnte er in seinen Stationen, u.a. im Bundesministerium für Finanzen, sammeln? Welche Karriereschritte erachtet er als besonders wichtig?

Zur Person

Valentin Fischer hat an der Humboldt Universität zu Berlin fünf Semester lang Rechtswissenschaft studiert und im siebten Semester das Erste Examen abgeschlossen. Seit August 2020 ist er Referendar am LG Neuruppin. Die Verwaltungsstation hat Valentin Fischer im Bundesministerium der Finanzen absolviert, derzeit ist er in der Anwaltsstation bei EY Law Hamburg, in den Bereichen Private Equity und Legal Tech, tätig. Seit April 2019 ist er zudem Doktorand bei Herrn Professor Christoph G. Paulus.

Das Interview

Klingenberg: Herr Fischer, vielen Dank zunächst, dass Sie sich zu diesem Interview bereit erklärt haben. Es soll um Ihre juristische Ausbildung sowie um die Karriereplanung im Allgemeinen gehen. Letzteres war auch Ihr Thema im Wirtschaftsführer 2021. Dort beschreiben Sie, dass bestimmte Karriereschritte bereits im Studium sinnvoll sind. Würden Sie unseren Leserinnen und Lesern einen kurzen Einblick geben, welche Schritte Sie konkret meinen und wieso es Ihrer Meinung nach sinnvoll ist, diese bereits frühzeitig zu gehen? Valentin Fischer: Der erste Schritt sind Praktika. Meines Erachtens sollte jeder damit frühzeitig beginnen, um so in einem Prozess denjenigen Bereich für sich zu finden, bei dem sich die Faktoren Neigung, Talent und Bedarf am besten verbinden lassen. Dafür ist die vorlesungsfreie Zeit ideal, was jedoch voraussetzt, dass Hausarbeiten schnell bzw. nebenbei geschrieben werden. Das Zweite ist, Angebote außerhalb des examensrelevanten Bereichs wahrzunehmen, sich mit Nebengebieten zu beschäftigen, aber auch mit Thematiken wie Verhandeln, Psychologie usw. Beim Jurastudium lernt man eher das ‚Was‘ und weniger das ‚Wie‘. Letzteres ist jedoch oft wichtiger. Der dritte Schritt besteht darin, Angebote außerhalb des Studiums wahrzunehmen. Heute wird das Jurastudium von den meisten als eine Art weiterführende Schule begriffen, um eben Jurist zu werden. Der Aspekt der absichtslosen Bildung um seiner selbst willen, kommt dabei zu kurz. Trotzdem führt diese Beschäftigung zu Erkenntnisgewinnen in der eigenen juristischen Kernkompetenz – ein amerikanischer Rechtsanwalt nennt dies den Lollapalooza-Effekt. Der vierte Schritt besteht in der privaten Beschäftigung mit völlig Anderem sowie zivilem Engagement. Dieser Schritt fußt auf der Erkenntnis, dass ein Jurist nichts Juristisches machen muss und dass in Anlehnung an das Zitat von F. A. Hayek, ein schlechter Jurist ein solcher ist, der nur Jurist ist. Ganz nebenbei kann man dadurch auch aus seiner eigenen ‚Bubble‘ ausbrechen und wird in aller Regel ein interessanter Gesprächspartner. Diese vier Schritte darf man gerne in einem Plan zusammenfassen, den man beständig bearbeitet, ergänzt, revidiert etc. – Hintergrund dessen ist: „Wer schreibt, der bleibt“. Klingenberg: Ein Blick auf Ihre Praktika während des Jurastudiums zeigt, dass Sie Ihren eigenen Ratschlag selbst bereits frühzeitig beherzigt haben. Dies zeigt sich nunmehr außerdem in der Wahl Ihrer Einzelausbilder während des juristischen Vorbereitungsdienstes. So waren Sie während Ihrer Verwaltungsstation beim Bundesministerium für Finanzen im Referat VII C 2 (Schuldenwesen des Bundes; Staatsanleihenmärkte) tätig. Wie waren Ihre Erfahrungen dort? Valentin Fischer: Meine Tätigkeit bestand im Wesentlichen darin, Gutachten zu verfassen und Einschätzungen abzugeben. Der Alltag war von vielen Telefonkonferenzen, aber auch von stiller Arbeit vor MS-Word geprägt. Inhaltlich beschäftigte ich mich mit Datenschutzfragen der Finanzagentur, Anwendungsfragen des Public Corporate Governance Kodex‘ des Bundes durch die Finanzagentur, Fragen der Anforderungen an den Umgang mit als Verschlusssachen eingestuften Dokumenten bei privatrechtlich organisierten Unternehmen und Austausch dieser Dokumente zwischen Verwaltung und Unternehmen sowie mit Formen der Aufsicht über die Finanzagentur in deren verschiedenen Aufgabenbereichen. Darüber hinaus durfte ich den parlamentarischen Teil eines Gesetzgebungsverfahrens begleiten und habe mich mit Fragestellungen bzgl. der Stiftung „Fond zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung“ (KENFO) befasst. Wie man sieht, hatte die Tätigkeit keinerlei Examensrelevanz. Die Arbeitsauslastung war angemessen. Ich war jeden Tag im Büro. Das BMF hat Referendarbüros. Da meine Kollegen im Home-Office waren, hatte ich es für mich alleine. Klingenberg: Sind Sie zufrieden mit der Ausbildung, die Sie beim Bundesministerium genießen durften? Oder anders gefragt: Würden Sie das Bundesministerium für Finanzen anderen Referendaren empfehlen? Valentin Fischer: Die Qualität der Ausbildung im BMF hängt meines Erachtens sehr stark von den Aufgaben des Referats und dem Einzelausbilder ab. Ich persönlich war sehr zufrieden: sowohl mit meiner Einzelausbilderin, die sich viel Zeit für mich nahm und mir insbesondere Hintergründe und Dynamiken innerhalb des Ministeriums erklärte, die man nirgends aufgeschrieben findet, weil deren Erkenntnis das Ergebnis langjähriger Tätigkeit ist als auch mit meinen Aufgaben. Ich kam glücklicherweise in mein Wunschreferat mit der Folge, dass ich aus der Brille des Ministeriums viele Einblicke in meinen Interessenbereich gewinnen konnte. Klingenberg: Das Bundesministerium für Finanzen ist sicherlich spätestens jetzt für einige Referendare eine Traumstation. Worauf sollte man bei der Bewerbung und dem Vorstellungsgespräch Ihrer Meinung nach achten, um sich gegenüber den Mitbewerbern durchzusetzen? Valentin Fischer: Ich kann nur aus meiner eigenen Erfahrung berichten: Das BMF hat wohl nur recht wenige Referendarplätze jedes Jahr zu vergeben. Das bedeutet, man sollte sich unbedingt so früh wie möglich bewerben. Ich hatte kein Bewerbungsgespräch, sondern wurde aufgrund meiner schriftlichen Bewerbung ausgewählt. Vom Gefühl her sollte man durchaus einen Bezug zur Materie der präferierten Referate mitbringen, z.B. durch vorherige Seminararbeiten oder einschlägige Praktikumserfahrungen. Alles Weitere wäre Spekulation. Zuletzt empfehle ich, sämtliche Infos auf der BMF-Seite in Ruhe und früh genug durchzulesen. Klingenberg: Aktuell befinden Sie sich in der Anwaltsstation, die Sie bei EY absolvieren. Sind Sie soweit zufrieden mit Ihrer Ausbildung dort? Valentin Fischer: Ich bin zufrieden mit meiner Ausbildung! Hintergrund war, dass ich nach einigen Erfahrungen in Großkanzleien und Industrie, eine Big 4 Gesellschaft kennen lernen wollte. Meine Aufgaben sind zweigeteilt: einerseits helfe ich dem Transaction Law Team von Dr. Jan Feigen, das sich insbesondere mit Privat Equity Transaktionen beschäftigt, andererseits helfe ich im Corporate Team um Jan Schulz sowie im Legal Tech Bereich um Dr. Daniel Mattig. Einen typischen Arbeitsalltag gibt es nicht. Was die tägliche Arbeit auszeichnet ist das junge und ambitionierte Team. Das Transaction Law Team von EY berät im Wesentlichen M&A Projekte mit jungen Partnern, durchaus mit Start-Up-Feeling. EY Law bietet sogar einen kostenfreien, berufsbegleitenden MBA an. Die Arbeitsauslastung ist gut, etwas geringer als in Großkanzleien. Klingenberg: In der Anwaltsstation beginnt für viele Referendare die intensive Examensvorbereitung. Einige Referendare nutzen diese Station deshalb – zumindest teilweise – zum sog. Tauchen, um sich intensiver auf die Examensvorbereitung konzentrieren zu können. Damit kürzen sich die Referendare allerdings deren praktische Erfahrungen rund um die anwaltliche Tätigkeit. Nun hat ein Referendar vielleicht aufgrund einer intensiveren Examensvorbereitung eine bessere Examensnote, vielleicht sogar ein Prädikatsexamen, dafür aber weniger Praxis. Ist dies nicht eine erhebliche Schwäche des juristischen Vorbereitungsdienstes? Einige Stimmen sprechen sogar von Wettbewerbsverzerrung. Wie beurteilen Sie das? Valentin Fischer: Persönlich halte ich es für sinnvoll, ein echtes Level playing field einzurichten, was bedeuten würde, dass alle gleich viel „tauchen“ dürfen. Das würde jedoch voraussetzen, dass sich die OLG eingestehen, dass „Tauchen“ Fakt ist. Ich schlage vor: 4 Monate lang Vollzeit und dann vier Monate freie Zeit zum Lernen. Das Problem ist hierbei jedoch, dass die OLG dies nicht überwachen können. Dafür fehlt es an Mechanismen und Personal. Daher wird es immer solche geben, die die volle Anwaltsstation tauchen werden. Insofern wird derzeit Ehrlichkeit bestraft! Dazu sollte man jedoch erwähnen, dass diese Fakten alle im Markt eingepreist sind. Konkret bedeutet dies, dass nach meiner Vorstellung die Alarmglocken jedes Arbeitgebers zumindest gelb aufleuchten, wenn jemand seine Anwaltsstation beim „Verteidiger um die Ecke“ gemacht hat. Klingenberg: In Ihrem Beitrag „Mindset, Karriereplanung und Disziplin“ weisen Sie ausdrücklich darauf hin, wie wichtig Planungen sind. Ihre bisherigen Karriereschritte zeigen auch, dass Sie sehr zielstrebig sind. Ich nehme deshalb an, dass das Prädikatsexamen für Sie ebenso ein Karriereziel ist. Wie planen Sie dieses Ziel zu erreichen? Valentin Fischer: Mein Lernplan besteht zunächst in einer Übersicht daraus, welche Module ich alle lernen und können möchte. Diese Module sind dann auf die einzelnen Tage aufgeteilt. Die Strategie besteht darin, möglichst viele Klausuren zu schreiben und Fälle zu lösen. Letzteres dauert nicht so lange, hat jedoch einen ähnlichen Lerneffekt. Ich lerne mit Unterlagen vom Repetitorium JI, meinen Mitschriften aus den AGen, mithilfe einer kleinen Privat-AG und mithilfe von Übersichten von Problemen aus dem Ersten Examen sowie sog. Fehlerlisten. Darin trage ich positiv formuliert alle Fehler ein, die ich bei Übungsklausuren begangen habe. Die Work-Work-Life-Balance halte für sehr wichtig, jedoch falsch formuliert; schließlich ist alles „Life“, und eben auch „Work“. Vielmehr geht es um den klassischen Ausgleich der vier Komponenten Körper, Herz, Seele und Geist. Einen Tag die Woche sollte man für andere Dinge verwenden, vgl. Frage 1. Klingenberg: Wie sieht Ihr Plan für die Wahlstation aus? EY bietet durchaus die Möglichkeit, eine Auslandsstation zu absolvieren. Kommt das für Sie in Betracht? Valentin Fischer: Mein Plan fürs Referendariat ist es, möglichst viel auszuprobieren. Daher steht für mich fest die Wahlstation nicht bei einer Kanzlei zu absolvieren. Meines Erachtens gibt es für die Wahlstation zwei Möglichkeiten: einmal möglichst weit reisen und ein fremdes Land kennenlernen, andererseits einen favorisierten Beruf in Deutschland bzw. Brüssel oder Luxemburg kennenzulernen. Wofür man sich entscheidet, ist sehr individuell. Ich möchte bspw. in der Wahlstation einen nicht-juristischen Bereich kennenlernen. Klingenberg: Und was sieht Ihr Karriereplan aktuell für Ihren Karrierebeginn vor? Valentin Fischer: Der Grund, warum ich hierauf nicht näher eingehe, ist ein sog. bias, eine kognitive Verzerrung. Robert Cialdini nennt sie „escalation of commitment“. Wenn ich also hier auf meine vorläufige Planung eingehen würde, würden mich in der Zukunft viele darauf festnageln und ich müsste mich rechtfertigen, warum ich mich ggf. anders entschieden habe. Deswegen empfehle ich, nur wenige Leute in die eigene Planung miteinzubeziehen und lieber von Erfolgen oder Handlungen zu berichten, als über Geplantes zu sprechen. Andererseits kann es gerade sinnvoll sein, etwas in die Öffentlichkeit zu tragen, um sich selbst zu motivieren, das Ziel zu erreichen. Klingenberg: Sie haben unseren Leserinnen und Lesern schon einige nützliche Tipps geben können. Nun aber einmal ganz allgemein betrachtet, wie stellt man einen eigenen Karriereplan auf und wie setzt man ihn letztlich um? Valentin Fischer: Es beginnt mit dem Geständnis gegenüber sich selbst, dass man so etwas im Studium nicht lernt. Bei der Umsetzung bietet sich das „backwards engineering“ an. Das bedeutet, man überlegt sich, was man mit 50 alles erreicht haben möchte und baut die Schritte rückwärts. Man merkt, wie viele Entscheidungen dies beeinflusst: Familie, Karriere, Engagement, Wohnortpräferenzen usw. Es gibt leider kein Patentrezept bei der eigenen Planung, jedenfalls kenne ich es nicht. Meiner Meinung nach geht es darum, Planung als einen Prozess zu begreifen mit der Folge, sich z.B. jeden zweiten Sonntag den Wecker auf zwei Stunden zu stellen und sich mit der schriftlichen Planung zu beschäftigen. Zusätzlich empfiehlt es sich, einschlägige Literatur auszuwählen und daraus gewonnene Erkenntnisse inhaltlich und methodisch in den Plan einzuarbeiten. Bei der Zielbeschreibung hilft die sog. SMART-Methode. Wichtigste Faktoren sind Disziplin und Kreativität, die sich gerade nicht ausschließen. Erfolgskontrolle und Reflexion runden den Prozess des Planens ab. Trotz Planung sollte man sehr wachsam sein für sich bietende Chancen. Man sollte bereit und flexibel sein, seinen eigenen Plan völlig über den Haufen zu werfen. Es gilt: je detaillierter ein Plan, desto unwahrscheinlicher seine vollständige Realisierung. Dieser Umstand ist jedoch kein Argument gegen einen Plan als solchen, sondern nur ein Argument für die eigene Flexibilität und Bereitschaft, ihn schnell und laufend anzupassen. Klingenberg: Möchten Sie unseren Leserinnen und Lesern das Interview abschließend noch etwas auf deren Weg mitgeben? Valentin Fischer: Trotz ständiger und notwendiger (Fein)Planung darf man die Frage, worauf es ganzheitlich im Leben – auch und vor allem abseits des Berufs – ankommt, nicht vergessen. Man sollte bereit sein, seine Meinung zu ändern und nicht das Bedürfnis haben, um jeden Preis Recht zu behalten. Ein amerikanischer Rechtsanwalt und Investor meinte einmal, dass jedes Jahr, in dem er seine Meinung in Bezug auf ein grundlegendes Thema nicht geändert hat, ein verlorenes Jahr sei. Ich denke, dass es sehr wichtig ist, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen. Dabei geht es letztlich um den Kampf gegen die eigene Eitelkeit. Vielen Dank für das Interview!